Die Sammlung der Maler- und Künstlerbücher der Bayerischen Staatsbibliothek

oder: Erwerben für die nächsten Jahrhunderte

von Béatrice Hernad

Es gibt verschiedene grundlegende Faktoren, die eine Sammlung, die Sammlungsstrategie und die Art, wie man mit dem gesammelten Material umgeht, stark prägen. Dies sind insbesondere neben den finanziellen Mitteln der Ort des Sammelns, die Art der Institution, in welcher gesammelt wird, sowie die Geschichte dieser Institution bzw. dieser Sammlung selbst. Ich möchte dazu in aller Knappheit einige Worte sagen.

1. Präsentation der Sammlung

Die Sammlung der Maler- und Künstlerbücher (einfachheitshalber werde ich ab jetzt von der Künstlerbücher Sammlung sprechen) der Bayerischen Staatsbibliothek München zählt heute etwa 14.000 Titel. Diese Titel sind zum größten Teil in der Fachgruppe (bzw. Signaturengruppe) der Libri selecti in der Abteilung Handschriften und Alte Drucke zu finden. Aus sammlungsgeschichtlichen Gründen befinden sich einige Einsprengsel aber auch in anderen Beständen dieser Abteilung, so etwa bei den Rariora (dies betrifft insbesondere die russischen und konstruktivistischen Hefte), in der Reserve (dies beim italienischen Futurismus) oder auch in der Abteilung Chalcographa. Einzelne Exemplare befinden sich sogar – als Künstlerbuch bislang unbekannt – im Zentralmagazin oder in der sogenannten Gruppe der Remota (genannt auch Giftschrank): Es sind separate Bestände von Werken, die aus juristischen, politischen oder moralischen Gründen dem Publikum nicht ohne weiteres zugänglich sind.

Die Sammlung umfasst vor allem Bücher, nämlich Handpressendrucke (illustriert oder nicht), Malerbücher, Künstlerbücher (im Sinne von konzeptuellen Büchern), aber auch zahlreiche Künstlerzeitschriften und -zeitungen, Multiples, Fotos- und Graphikmappen sowie einige wenige Buchobjekte und Künstlerfilme, CD-ROM, DVD, Schalplatten und von Künstlern gestaltete Plakate und Einladungen. Gesammelt werden vor allem Auflagenwerke. Unikate sind selten. Es handelt sich dabei meistens um Bücher von Künstlern, die keine oder kaum Auflagenwerke schaffen. So ist z. B. Anselm Kiefer durch ein großes Foto-Material-Buch aus dem Jahr 1990-91 vertreten. Es gibt auch Unikatbücher des experimentierfreudigen österreichischen Künstlers Emil Siemeister, des nordamerikanischen Graffitikünstlers CUBA und des Wahlberliners Kottie Paloma.

Zeitlich umfasst die Sammlung Werke vom späten 19. Jahrhundert bis heute. Sie ist international angelegt, wobei Asien mit Ausnahme von Japan und Afrika kaum präsent sind. Doch nahezu alle künstlerischen Strömungen des 20. Jahrhunderts sind hier versammelt. Es gibt verschiedene Schwerpunkte: die Werke der frühen englischen Privatpressen, das französische Malerbuch, darunter über 85 Werke von Picasso, Illiazd, Andy Warhol, Herman de Vries, der Wiener Aktionismus, Fluxus, der Lettrismus usw. Von einigen Editionen bzw. Künstlern besitzt die Bibliothek das vollständige Bücherwerk. 

2. Geschichte der Sammlung bis heute

Das Fach Libri selecti (lateinisch und nicht italienisch) wurde 1914 gegründet. Ausschlaggebend waren die Arbeiten der englischen Privatpressen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. An ihnen orientiert, sammelte man dementsprechend in München überwiegend die Luxusprodukte der deutschen und vor allem der Münchner Pressen. Nach den großen Verlusten im Mai 1945, als über ein Drittel dieses Bestands bei Auslagerungen gestohlen bzw. zerstört wurde, und nach der Zeit des Wiederaufbaus begann ab 1958 eine neue Sammlungsepoche. Anlass war das 400jährige Gründungsjubiläum der Bibliothek im Jahr 1958. Mit erheblichen finanziellen Mitteln von bayerischen Industriellen wurden bis 1962 zahlreiche französische Malerbücher sowie Werke des deutschen Expressionismus, die vorher als entartete Kunst galten und nicht gekauft worden waren, erworben. Seit etwa 1970 und bis zur Mitte der 90er Jahre wurde diese Sammlung dank der damaligen guten finanziellen Möglichkeiten systematisch erweitert. Die ersten Künstlerbücher wurden 1980 erworben. Es wurde sehr viel erworben, von Kennern, die viel Geld zur Verfügung hatten, und viel Spaß dabei, frei nach dem Motto: Von allem nur das Beste.

Seitdem hat sich die Situation in vielerlei Hinsicht sehr verändert. Sehr positive Wirkungen im Bereich der Forschung über das Künstlerbuch sind erkennbar, seit in München das neue Studienzentrum für Moderne am Zentralinstitut für Kunstgeschichte gegründet wurde. Dieses Studienzentrum entstand in Zusammenhang mit der 2009 erfolgten Stiftung der Privatbibliothek von Herzog Franz von Bayern zur Kunst des 20./21. Jahrhunderts. Es geht hier nicht nur um Vorträge und Tagungen, die bereits stattgefunden haben und weiterhin stattfinden werden, sondern auch um die Erwerbung diesbezüglicher Sekundarliteratur, die die Bayerische Staatsbibliothek nicht mehr in ihrem Sammlungsprofil hat.

Die Knappheit der finanziellen Mittel ist ein allgemeines Problem. Erschwerend kommt bei der Sammlung der Bayerischen Staatsbibliothek ihre Zuordnung zum Etat der Handschriftenabteilung hinzu. Kommt es zu einer großen Erwerbung im Bereich der Handschriften, der Inkunabeln, der alten Drucke oder der Nachlässe, die ebenfalls zu dieser Abteilung gehören, so schrumpfen, wie es in den letzten 10 Jahren mehrmals der Fall war, die Finanzmittel in den anderen Sammlungsbereichen, und dazu gehören so gut wie immer die Libri selecti. Gelegentlich gibt es ein ganzes Jahr hindurch gar keine Mittel für diese Sammlung. Der Wegfall der Abgabepflicht für in Bayern erschienene Künstlerbücher (im verallgemeinernden Sinne), der in Bayern im November 2009 erfolgte, hat diese Situation noch weiter verschlechtert. Nun müssen auch diese Werke „gegebenenfalls exemplarisch über Kauf erworben werden“. Um so hilfreicher erweist sich in den vergangenen fünf Jahren die verlässliche finanzielle Hilfe einer Stiftung. Allerdings dürfen diese Mittel nur für die Erwerbung wissenschaftlich relevanter antiquarischer Werke eingesetzt werden. Hierbei sind wir, in der Definition der Bayerischen Staatsbibliothek jetzt bis zum Jahre 2006 gekommen. Dies hat aber zu der paradoxen Lage geführt, dass es in den letzten Jahren eigentlich insgesamt viel mehr Mittel für den Ausbau der Sammlung gab als für ihren Aufbau.

Einerseits hat sich die finanzielle Situation sehr geändert, andererseits ist das Angebot an Künstlerbüchern selbst wesentlich größer und vielfältiger geworden. Man denke nur an den zahlreichen speziellen Buchmessen, die seit dem Jahre 2000 entstanden sind, und an die dort abgedeckten unterschiedlichen Bereiche, etwa große bibliophile Werke, illustrierte Bücher oder Künstlerbücher. Aus Zeit- und Geldmangel ist es mir nicht möglich, einen Überblick über die Gesamtproduktion zu haben. Eine gute Vernetzung ist wichtiger denn je. Zwangsläufig haben diese Faktoren zu einer Änderung des Sammlungsprofiles, insbesondere zu einer Straffung des Bestandes geführt und zu einer veränderten Sammlungsstrategie.

3. Neues Sammlungsprofil, neue Sammlungsstrategie

a) Ausbau

Während in gewissen Bereichen (etwa im Bereich der historischen Handpressendrucke, des russischen Futurismus und Konstruktivismus, der französischen Malerbücher, um nur einige zu nennen), so gut wie keine weitere Erwerbung getätigt wurde, da der gegenwärtige Bestand sich bereits bestens sehen lässt, wurde der Bestand in anderen Bereichen mit Hilfe der Stiftungsgelder für ältere Werke gezielt ergänzt und vervollständigt, und Lücken wurden geschlossen. Antiquarische Bücher einigermaßen preisgünstig zu erwerben, ist zwar sehr zeitintensiv, aber in der Regel eine durchaus dankbare Beschäftigung mittels Internet, ZVAB, Abebooks, Versteigerungen, diverser Verlage und Antiquariate oder auch dank gezielter Nachfragen beziehungsweise Bestellungen bei Künstlern, Händlern, Kollegen und Privatsammlern. So konnten nach und nach einige kleinere Werke von Picasso, ein frühes Buch von Francis Picabia (1920), La Métromanie von Dubuffet (1949) und dank rascher Hilfe einer amerikanischen Stiftung sogar Les jeux de la poupée von Bellmer (1949) erworben werden. Vor allem aber im Bereich der Künstlerbücher und –zeitschriften wurde systematisch nachgekauft: Ich denke da insbesondere an Ed Rucha, Alison Knowles, Marcel Broodthaers, das Xeroxbook, RAW von Art Spiegelman, Raymond Pettibon, Mike Kelley, an Fluxus-Zeitschriften und -Künstlereinladungen, um nur einiges zu nennen.

b) Aufbau

Bei der Erwerbung neuer Werke geht es auch viel gezielter zu als früher. In dieser Hinsicht hat sich nämlich das Verhältnis zu den Münchner Galerien leider geändert. In der Vergangenheit waren sie eine zuverlässige Quelle der Erwerbung. Heute ist ein solcher Kauf, wenn überhaupt, extrem selten geworden. Nicht nur, dass die angebotenen Werke oft nicht mehr zum heutigen Profil unserer Sammlung passen, auch die Preise sind in der Regel sehr hoch geworden. Ohne finanzielle Hilfe seitens der Freunde und Förderer der Bibliothek wäre etwa die Erwerbung eines Werkes der Münchner Fotografin und Installationkünstlerin Katharina Gaenssler nicht möglich gewesen.

Es wird nach wie vor bei Galerien, Händlern und Verlagen gekauft, aber nun häufiger direkt bei den Künstlern, oft bei jungen Künstlern, die noch nicht oder kaum in der Sammlung vertreten sind. Neue Werke von Künstlern, die schon durch mehrere Bücher in der Sammlung vertreten sind, werden nur noch gekauft, falls diese Werke sich von ihren früheren Büchern wirklich abheben. Im Bereich der illustrierten Bücher werden nur noch einige ausgewählte Stücke erworben, die häufig in kaum einer oder in keiner öffentlichen Sammlung Deutschlands zu finden sind. Einen der Schwerpunkte der Erwerbungen heute bilden vor allem konzeptuelle Bücher, kleine Fotobücher, kleine Siebdruck- und Risoprintbücher. Teuere große Werke, die oft in sehr kleinen Auflagen erscheinen, etwa Katharina Gaensslers Sixtina, können nur in Ausnahmefällen erworben werden. Oft verschwindet heute die gesamte Auflage solcher Werke in Privatsammlungen und bleibt für Forscher und Publikum zunächst unerreichbar. Hier hoffe ich dereinst auf großzügige Schenkungen. In Bereichen, die von anderen Münchner Institutionen abgedeckt werden, in Falle der Graphzines vom Zentralinstitut für Kunstgeschichte, werden nur einige wenige Exemplare zu dokumentarischen Zwecken erworben und im Übrigen auf andere Sammlungen verwiesen, welche weitere Werke besitzen. Nach wie vor werden kleine preiswerte Publikationen, die ohne ISBN-Nummer erscheinen, gesammelt, damit sie nicht gänzlich verschwinden.

Im Gegensatz zur Knappheit der Mittel hat sich die Zahl der geschenkten Werke erfreulicherweise sehr vergrößert. In der Regel entsprechen sie dem Profil der Sammlung und bereichern sie.

4. Maler- und Künstlerbücher in der Bayrischen Staatsbibliothek

Die Bayerische Staatsbibliothek sammelt diese Werke aus verschiedenen Gründen. Zuerst in Fortführung einer alten Sammeltradition, die ihre Ursprünge in der Münchner Hofbibliothek des 16. Jahrhunderts hat. Daher wurde auch die Künstlerbücher Sammlung seit 1958 so breit angelegt, da die Bibliothek sich wie zur Zeit ihrer Gründung als Universalbibliothek verstand. Eine derartige Auffassung ist heute aber nicht mehr möglich und meiner Meinung nach vielleicht auch nicht mehr erstrebenswert. Doch auch für diese Sammlung gilt wie früher folgendes: Diese Werke werden in erster Linie gesammelt, damit sie erhalten bleiben und nicht aus dem Gedächtnis verschwinden, und auch um sie der Forschung und der Allgemeinheit zur Einsicht anbieten zu können. Die Künstlerbücher Sammlung wird ebenso wie die anderen Sammelgebiete als wichtige Komponente des Kulturerbes betrachtet und gilt als identitätsstiftendes Alleinstellungsmerkmal. Allerdings bleibt die Sammelmöglichkeit für Künstlerbücher, da diese Werke noch nicht durch ihr hohes Alter und durch die Forschung kanonisiert sind, abhängig von einem gewissen allgemeinen Wohlwollen der Öffentlichkeit und der Verantwortlichen der Staatsbibliothek selbst.

a) Warum sammelt die Bibliothek?

Künstlerbücher haben es nicht leicht im Kontext einer großen Staatsbibliothek. Die 14.000 Titel verlieren sich im Gesamtbestand von über 10,5 Millionen Büchern. Und dies erst recht im Katalog. Sie in die Hände zu nehmen – sogar ohne Handschuhe – ist jedoch nicht schwierig. Das darf jeder Benutzer, der sich einen Ausweis der Handschriftenabteilung hat ausstellen lassen, im klimatisierten Lesesaal tun. Aber sie im Katalog zu finden, um sie überhaupt bestellen zu können, kann gelegentlich abenteuerlich werden.

Als Teile des musealen Bestandes der Bibliothek werden die Werke in säurefreien Mappen oder Boxen verwahrt, im klimatisierten Magazin der Handschriftenabelabteilung Die teuersten Werke stehen in Tresoren. Die Bücher werden den Benutzern nicht nach Hause ausgeliehen, wohl aber für Ausstellungen, wie es immer wieder einmal der Fall ist.

b) Vermittlung der Werke

Das zahlenmäßig noch sehr überschaubare Publikum, das solche Werke bestellt, besteht aus Künstlern, kunsthistorischen Forschern, Studierenden, Sammlern und auch Germanisten. Gelegentlich werden ausgesuchte Werke auf Anfrage den Teilnehmern von Seminaren der Universität oder der Akademie, Gruppen von Sammlern, sogar Buchgestaltern oder einfache Interessenten vorgestellt. Während Handschriften, Inkunabeln und frühe Drucke volldigitalisiert sind und so heute von einem breiten Publikum im Internet wahrgenommen werden können, ist eine vergleichbare Vermittlung der Libri selecti deren Urheber überwiegend noch keine 70 Jahre tot sind, aus urheberrechtlichen Gründen nicht möglich.

Ausstellungen sind ein bewährtes Vermittlungsmittel. Aber wir sind nicht in einem Museum, sondern in einer Bibliothek, noch dazu in einem alten Gebäude, welches kaum über entsprechende Räumlichkeiten verfügt. Bei Ausstellungen von Künstlerbüchern verfahren wir mit denselben Regeln, wie wir es auch bei Ausstellungen von Handschriften tun: Die Werke dürfen höchsten drei Monate lang gezeigt werden, bei konstanter Raumtemperatur ohne Schwankung zwischen 18 und 22 Grad, relativer Luftfeuchtigkeit um die 50%, 50 Lux und Buchwiege. Am größten ist hierbei aber das Problem der Vitrinen. Bücher auszustellen ist schwierig. In einer Vitrine erscheinen sie nur noch als tote Flachware. Ein Buch will in die Hände genommen werden, das Gewicht will gespürt, das Material will ertastet werden. Wie kann ein Buch und vor allem ein konzeptuelles Buch verstanden werden, wenn sein Inhalt sich nicht Seite auf Seite entfalten kann? Wenn „jede Seite ein individualisiertes Element einer Struktur (des Buches) ist, in welcher es eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen hat“ (so Ulises Carrion), wie kann man solche Struktur und solche Aufgabe überhaupt verstehen, wenn drei Monate lang nur eine einzige Doppelseite gezeigt wird? Hier hilft es auch nicht, während der Ausstellung ab und zu eine Seite umzublättern.

Die Eigenartigkeit der Künstlerbücher Sammlung der Bayerischen Staatsbibliothek München liegt wahrscheinlich auch an den Leuten, die sie aufgebaut haben und heute noch weiterentwickeln. Es war immer nur ein Randbereich unserer jeweiligen Tätigkeiten, und das ist es auch heute noch. Die Schwerpunkte liegen anderswo, nämlich in der Beschäftigung mit einem oder mehreren Bereichen des Gesamtbestandes der Abteilung, sei es mit Inkunabeln, mit frühen Drucken oder mit illuminierten europäischen oder außereuropäischen Handschriften und Prachtkodices. Dies hat das Sammeln der Bücher geprägt und prägt es auch heute noch. Und dieses Sammeln alter Bücher stellt, ob wir es wollen oder nicht, die heutigen Künstlerbücher in einen anderen Kontext, in den Kontext einer Jahrtausende alten Geschichte des Buches von der Antike bis heute. Ob Malerbücher, illustrierte Bücher, oder Künstlerbücher, sie alle sind überaus wichtige kulturelle Zeugen einer Gesamtgeschichte des Mediums Buch. 

 

Beitrag zum Panel: BLUEPRINT: Collecting artists’ books? während der MISS READ The Berlin Art Book Fair, Akademie der Künste, Berlin, 12. Juni 2016.

___