Über das Sammeln


von Anne Thurmann-Jajes

Das Sammeln von Künstlerbüchern meint nicht nur, bestimmte Werke zu suchen und zusammen zu tragen, sondern auch die Grundlage für wissenschaftliche Erkenntnisse. Das Sammeln findet dabei in einem Eco-System statt, bei dem die Gesamtheit der Akteure, ihre gesellschaftlichen und ökonomischen Verhältnisse, ihre künstlerischen Vorstellungen und ihre Beziehungen untereinander von Bedeutung sind. Neben den Künstlerinnen und Künstlern sind dies insbesondere die Museen, Kunstinstitutionen, Archive, Händler, Galerien, Messen, Hochschulen, Privatsammler, Verleger, Antiquare, Produzenten, Unternehmen usw. Dabei spielen auch Fragen der Sammlungsstrategien und Sammlungsprofile, der Arbeit mit Sammlungen, der Probleme beim Aufbau von Sammlungen bzw. was und wo gekauft werden soll, eine Rolle. 

Aus welchen Gründen werden Künstlerbücher gesammelt und worin liegt der Reiz des Sammelns?

Das Sammeln von Künstlerbüchern kann sich auf Werke eines bestimmten Künstlers oder Künstlerin, einer Künstlergruppe, einer bestimmten Zeit, einer Region oder aus einem speziellen Land, zu einer gewissen Thematik, zu bestimmten Motiven oder mit besonderen Gestaltungselementen beziehen. Die Gründe, die für das Sammeln von Künstlerbüchern sprechen sind vielfältig:

· Künstlerbücher sind günstig zu erwerben, mobil und damit leicht zu verschicken bzw. zu transportieren.
· Künstlerbücher sind einfach zu handhaben, sie müssen in der Regel nicht installiert, aufgebaut oder projiziert werden, sie können einfach durchgeblättert werden.
· Künstlerbücher sind Kunst zum Anfassen, sie sind konzeptionell, experimentell, dokumentarisch, aber auch narrativ und haptisch. Sie besitzt dadurch einen besonderen Reiz.
· Künstlerbücher sprechen den Betrachter direkt an, durch das Blättern entsteht ein individuelles Verhältnis im Moment des Betrachtens.
· Künstlerbücher sind vielfältig – insbesondere durch die Vielzahl an Möglichkeiten der Einbindung von künstlerischen Elementen, wie Poesie, Fotografie, Zeichnung, Stempel, Literatur, Malerei, Kopie sowie kleinen Objekten wie Spiegeln, Schallplatten usw. Diese künstlerische Breite spricht Menschen aus unterschiedlichen Bereichen an. Alles ist möglich, jeder wird eingebunden.
· Künstlerbücher besitzen die gleiche thematische Komplexität wie andere Kunstwerke auch.
· Künstlerbücher besitzen einen künstlerischen Freiraum, der sich seit Beginn der Fluxus-Bewegung u.a. in einer intellektuellen künstlerischen ‚Spielerei‘ manifestiert.
· Viele Künstlerbücher sind bereits Sammlungen an und in sich.
· Künstlerbuch-Sammlungen benötigt weniger Platz als Gemälde, Objekte und Installationen und können dennoch sehr umfangreich sein.
· Künstlerbücher zu sammeln bedeutet, sich eine Kunstsammlung en Miniature bedeutender Künstler und Künstlerinnen anlegen zu können.

Künstlerbücher werden in den verschiedensten Bibliotheken gesammelt, insbesondere in den Kunst- und Museumsbibliotheken sowie den Universitäts- und Staatsbibliotheken. In Museen werden sie in den Kunstmuseen in der Regel in den Bibliotheken, aber auch in eigenen Abteilungen wie beispielsweise den Print and Drawing Departments oder den Kupferstichkabinetten gesammelt. Eine Ausnahme ist hier das Zentrum für Künstlerpublikationen, bei dem Künstlerbücher einen Teil der musealen Bestände bilden. Speziell in Museen für angewandte Kunst und insbesondere in Museen zur Buchkunst werden Künstlerbücher in die Sammlungsbestände integriert. In traditionellen Archiven sind in der Regel keine Künstlerbücher zu finden, jedoch in den zeitgenössischen Kunstarchiven und den Archiven für Künstlernachlässe. Sammlungsschwerpunkte bilden sie in den Archiven für Künstlerpublikationen bzw. zur zeitgenössischen publizierten Kunst, die ein spezielles Phänomen darstellen, da sie Künstlerpublikationen gleichzeitig wie Archivalien und Kunstwerke sammeln und hierarchisch strukturiert erfassen. Darüber hinaus sammeln viele Privatpersonen, wie Verleger, Buchhändler, Antiquare, Literaten, Künstler, Dichter, Lehrer usw. Künstlerbücher.

United United, Verlagsprospekte, 1991

Zur Geschichte des Sammelns von Künstlerbüchern

Die Geschichte des Sammelns bzw. Nicht-Sammelns von Künstlerbüchern beginnt bereits mit der Entstehung von Künstlerbüchern bzw. spätestens in den 1960er Jahren, als die Künstler ihre Bücher zwar produzierten, aber nicht verkaufen konnten. Wenn die Europalette mit den frisch gedruckten Künstlerbüchern vor der Wohnungstür stand, schenkten sie ihren Freunden und Bekannten ein Exemplar, schickten weitere an einige Museen, Galerien und die paar Sammler ihrer Werke, und warfen den Rest oft weg, wenn sie ihn nicht unter dem Bett oder im Keller lagern konnten, wo er häufig feucht wurde, schimmelte und dann doch entsorgt wurde.

Bis auf wenige Ausnahmen konnten Museen bzw. die Kuratoren in den 1950er und 1960er Jahren nichts mit dem neuen Phänomen des Künstlerbuches anfangen. Es wurde anfangs auch nicht als Kunstwerk verstanden. Kleine Hefte verschwanden häufig, und das, was als Buch angesehen wurde, landete in der Bibliothek.

Also haben einige wenige Künstler, Sammler und Verleger, wie u.a. Ulises Carrion, Peter van Beveren, Jozef Robakowski, Guy Schraenen, Hanns Sohm, Marta Wilson, Maurizio Nannucci, György Galantai begonnen, diese vervielfältigten, veröffentlichten und publizierten Kunstwerke selber zu sammeln, damit sie nicht verloren gehen. Denn je mehr von etwas vorhanden ist, desto weniger bleibt erhalten. Nach Boris Groys ist es ein Zeichen der Avantgarde, dass die Künstler selber sammelten. So entstehen in den 1960er und 1970er Jahren die Archive für Künstlerpublikationen, wie das Archiv Sohm in Markgröningen bei Stuttgart, das Archive für Small Press & Comunication in Antwerpen, das Archiv von Other Book & So in Amsterdam, das Zona Archive in Florenz, die Exchange Gallery in Łodz, das Art Information Center in Rotterdam, Artpool in Budapest, Franklin Furnace in New York. In der Folgezeit entstehen weitere Archive wie das Sackner Archive of concrete and visual poety in Maimi sowie zahlreiche Mail Art Archive, in denen die Künstlerbücher international gesammelt und aufgehoben wurden. Im Kontext dieser Archive sind die ersten Ausstellungen zu Künstlerbüchern organisiert und das Künstlerbuch bekannt gemacht geworden. Sie begründen die kunsthistorische Überlieferung des Künstlerbuches.

Anfang bis Mitte der 1980er Jahre ändert sich die Situation und es entsteht ein Markt für Künstlerbücher. Dazu haben auch die von Künstlern gegründeten Läden für Künstlerbücher beigetragen, wie Other Books & So in Amsterdam, Printed Matter in New York, Art Metropole in Toronto und später Boekie Woekie in Amsterdam. Art Metropole wurde 1974 durch das Künstlerkollektiv General Idea als sogenanntes artist-run centre gegründet. Printed Matter, Inc. ist 1976 von Sol Lewitt und Lucy Lippard, und weiteren Künstlern, als non-profit Organisation zur Förderung des Verständnisses und der Wertschätzung sowie der Verbreitung von Künstlerbüchern und verwandten Publikationen gegründet worden. Durch zahlreiche Ausstellungen hat sich das Künstlerbuch etabliert, einige der Künstler sind mittlerweile berühmt geworden und die Nachfrage von Sammlern nach Künstlerbüchern steigt. Künstler und Verleger können erstmals die publizierten Künstlerbücher wirklich verkaufen. Antiquariatskataloge, Verlagskataloge sowie die Kataloge der Händler zeugen davon.

Seit den 1980er Jahren wurden zudem die ersten der bedeutenden Archive aufgelöst, wie das Archiv von Other Books & So und das Art Information Center, da sie zu groß geworden waren, und durch Privatpersonen nicht mehr gehändelt werden konnten. Das Archiv Sohm wurde 1981 an die Staatsgalerie Stuttgart verkauft und den Bestand an Künstlerbüchern von Franklin Furnice erwarb 1993 das Museum of Modern Art in New York.

1999 erwirbt das Neue Museum Weserburg in Bremen das Archive for Small Press & Communication und gründet zusammen mit der Universität Bremen das Zentrum für Künstlerpublikationen, als Archiv, Forschungsinstitut und Museum für Künstlerpublikationen. Es gehört aufgrund seiner herausragenden Bestände, seiner beispielgebenden Ausstellungen und speziellen Forschungsaktivitäten weltweit zu den wichtigsten Institutionen in diesem Bereich, und besitzt international ein Alleinstellungsmerkmal, sowohl in Bezug auf seine Sammlungsbestände als auch seine wissenschaftliche Forschung. Zentrale Aufgabe des Zentrums für Künstlerpublikationen ist es, Künstlerpublikationen und insbesondere Künstlerbücher seit den 1950er Jahren international zu sammeln, zu bewahren, zu pflegen und als Kulturgut zu sichern. Dieses impliziert nicht nur die konservatorische Betreuung und Lagerung, sondern auch die Ergänzung und Erweiterung sowie Erforschung der Bestände. In mehr oder weniger allen 60 verschiedenen Archiven, Nachlässen, Fonds und Sammlungen befinden sich Künstlerbücher, so in den über 18 Künstlerfonds, u.a. zu Gerhard Rühm, Franz Mon, Antoni Muntadas, Lia and Dan Perjovschi, Lutz Dammbeck, Joan Rabascall und Peter van Beveren, insbesondere aber auch in den Verlagsbeständen und Archiven, so u.a. im Fonds Book Works (London), Fonds Roma Publications (Amsterdam) und im Archiv Reflection Press von Albrecht d. (Stuttgart). Es handelt sich in der Regel um Eigentumsbestände, jedoch befinden sich darunter auch einzelne Dauerleihgaben, wie beispielsweise die beiden (ehemaligen) Ausstellungen des Instituts für Auslandsbeziehungen e.V. (ifa), die Sammlung Das Buch und die Sammlung Die Bücher der Künstler. Ihre Geschichte ist gleichzeitig die Geschichte der Aktivitäten der Verlage, der Archive, der Künstler und des Künstlerbuches. Bestandsübergreifend sind so ca. 12.000 Künstlerbücher vorhanden.
Die einzelnen Archiven und Sammlungen bleiben mit ihrem Inhalt und in ihrer Struktur und Zusammensetzung erhalten. Sie werden als eigenständige Bestände in den Gesamtbestand integriert. Jeder einzelne Bestand hat seine eigene Geschichte und ist von den jeweiligen Bestandsbildnern gegründet und zusammengestellt worden. Das Zentrum für Künstlerpublikationen hat diese Bestände übernommen, um sie zu erhalten, zu erforschen, zu vermitteln und für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. In diesem Sinne ist das Zentrum ein Archiv und Museum, das Nachlässe, Fonds, Archive oder Sammlungen sammelt: eine Sammlung von Sammlungen oder ein Archiv von Archiven. Der Künstlerbuchbestand enthält Werke aus fast allen Kunstströmungen seit den 1950er Jahren – von der Fluxus Bewegung über die Pop Art bis hin zur Konkreten und Visuellen Poesie. Schwerpunkte liegen im großen Umfang unterschiedlicher Werke aus Lateinamerika und Polen, in den fast vollständigen Werkkomplexen bedeutender Künstler/innen wie beispielsweise Christian Boltanski oder Sol LeWitt.

Dem Beispiel des Zentrums für Künstlerbücher in Bremen folgend gründete auch das Museu d‘Art Contemporani de Barcelona (MACBA) ein Studienzentrum und Archiv für Künstlerbücher und Künstlerpublikationen allgemein. Darüber hinaus begannen u.a. auch die Tate Britain in London, das Museu de Arte Contemporânea de Serralves in Porto, das Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía in Madrid Künstlerbücher zu sammeln. Aktuell sind auch das Archiv der Exchange Gallery in Lodz und das Artpool Art Research Center in Budapest zu ihrer Sicherung an öffentliche Museen angegliedert worden. Damit ist die erste Künstlergeneration mit ihren Künstlerbüchern musealisiert.

Seit den 1990er Jahren wächst der Markt für Künstlerbücher weiter. Auf der Frankfurter Buchmesse schlossen sich sieben Verleger und Händler – Wiens Verlag in Berlin, edition hansjörg mayer in Stuttgart und London, Rainer Verlag in Berlin, Guy Schraenen éditeur in Antwerpen, Stop Over Press in Berlin, Edition Hundertmark in Köln und Boekie Woekie in Amsterdam – zu der Gruppe United Untied zusammen, um ihre Veröffentlichungen und ihr Engagement für Künstlerbücher sichtbarer zu machen. Durch die Präsentation auf Messen etabliert sich das Künstlerbuch als Sammelobjekt. Kunstmuseen und Bibliotheken mit einem historischen Buchbestand ergänzen ihre Sammlungen gezielt in Richtung des konzeptionellen Künstlerbuches. Es entstanden auch immer mehr Privatsammlungen, die Künstlerbücher sammeln.

Seit ungefähr 2000 sind eine Reihe von Künstlerbuch-Messen in zahleichen größeren Städten entstanden, so unter anderem die New York Art Book Fair in New York (organisiert von Printed Matter), Miss Read und Books for Friends in Berlin, um nur einige zu nennen.

 

Die Geschichte der Sammlungen von Künstlerbüchern allgemein als auch der Sammlungen und Archive im Zentrum für Künstlerpublikationen generiert grundlegende Aussagen zu ihren Entstehungskontexten, ihrer künstlerischen und ökonomischen Wertigkeit, ihrer Vermarktung, ihren Bezügen zum Kunstmarkt, als auch zum Stellenwert von Künstlerverlagen und Künstlerbüchern in der zeitgenössischen Kunst und der Gesellschaft.

 

Beitrag zum Panel: BLUEPRINT: Collecting artists’ books? während der MISS READ The Berlin Art Book Fair, Akademie der Künste, Berlin, 12. Juni 2016.

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