„…kaum größer als eine Telefonzelle“

30 Jahre Boekie Woekie – Eine Ausstellung im Living Art Museum in Rejkjavik

von Peter Sämann

"Wenn mir jemand 1986 gesagt hätte, du sprichst hier noch in 30 Jahren drüber, dann hätte ich gesagt: du spinnst.“1 Jan Voss steht mit etwas Verwunderung auf der Eröffnung seiner eigenen Ausstellung Boekie Woekie 30 years, books – and more – by artists in Living Art Museum in Reykjavík auf Island und staunt über die Langlebigkeit des Projekts. Voss ist einer der sechs Gründungsmitglieder des einmal von Diether Roth als kleinsten Buchladen der Welt bezeichneten Projekts Boekie Woekie in Amsterdam.

30 Jahre besteht der Laden nun und ist trotz kontinuierlicher Arbeit an der Sache seiner Gründungsidee stets treu geblieben. Der Charakter, die Seele des Experiments sei bis heute erhalten geblieben, meint Jan Voss im Rückblick. Es ist der 9. Januar 2016, an dem die Ausstellung im Nýlistasafnið, wie sich das Living Art Museum auf Isländisch nennt, eröffnet wird, eine Jubiläumsausstellung, die sich dem Schaffen und Wirken der letzten drei Jahrzehnte widmet.

Boekie Woekie startete als Buchladen und Ausstellungsraum vornehmlich für die Arbeiten und Veröffentlichungen der sechs beteiligten Künstlerinnen und Künstler Henriëtte van Egten, Pétur Magnússon, Rúna Thorkelsdóttir, Kees Visser, Jan Voss und Saskia de Vriendt. Auf etwa fünf Quadratmetern, die Voss als gefühlt „kaum größer als eine Telefonzelle“ bezeichnet, boten sie Bücher und Drucke an und stellten Arbeiten an der Wand des Flurs aus, der einerseits Teil des Ladenlokals war, andererseits auch der Durchgang zu den anderen Räumen und Etagen des Hauses. Schnell wurden auch Werke anderer Künstler ins Sortiment und in die Ausstellungstätigkeit mit aufgenommen, unter ihnen Dieter Roth, der ein langjähriger Begleiter des Ladenprojekts blieb. Das unweigerliche „aus allen Nähten platzen“ des kleinen Ladenlokals führte dazu, dass auch der Bürgersteig vor dem Laden bei gutem Wetter als Verkaufsfläche genutzt wurde und man Postkartenständer zwischen die Poller an der Bordsteinkante aufspannte. Schließlich zog der Laden nach fünf Jahren2 in neue, größere Räume nur 500 Meter von seinem alten Standort entfernt. Dort erweiterte sich das Buchsortiment auf aktuell bis zu 8000 Titel sowohl von bekannten, als auch von unbekannten Buchkünstlern und machte Boekie Woekie zu einem der bedeutendsten und bekanntesten Händler für Künstlerbücher und Ephemera weltweit. Für Ausstellungen, Performances, Musik und Film stand ein zweiter Raum zur Verfügung, der jedoch mit wachsendem Buchsortiment mehr und mehr Verkaufsregale aufnehmen musste, bis schließlich nur eine Wand für Ausstellungen übrig blieb, eine Reminiszenz an die Situation im ersten Laden. Zeitweise stand ein Farbkopiergerät in den Räumen des Buchladens, so dass er auch als Werkstätte für die Buchproduktion funktionierte. Hier entstanden unter anderem einige Veröffentlichungen Dieter Roths. Zwischenzeitlich waren von den Gründungsmitgliedern nur noch Henriëtte van Egten, Rúna Thorkelsdóttir und Jan Voss verblieben, Hrafnhildur Helgadóttir und Brynjar Helgason stießen als neue Betreiber hinzu.

Verbindungen nach Island haben in Jan Voss Leben eine lange Tradition. Erstmalig durch Dieter Roth initiiert, reiste Voss regelmäßig nach Island und baute intensive Verbindungen in die Kunstszene auf. Schließlich wurde er Gründungsmitglied des Nýlistasafnið in Reykjavík. Auch wenn er dort nie in Organisation und Management aktiv war, blieben die Verbindungen bestehen, die konzeptionelle Nähe der beiden Institutionen als von Künstlern für Künstler geschaffene Orte verband das Nýlistasafnið mit Boekie Woekie ebenfalls. Diese Verbindung brachte schließlich die Ausstellung zum Anlass des dreißigsten Geburtstags Boekie Woekies hervor.

Kernelement der Ausstellung ist ein Nachbau des ersten Boekie Woekie Ladenlokals im Amsterdamer Gasthuismolensteeg in Originalgröße, der dank seiner überschaubaren Abmessungen problemlos in die Räume des Nýlistasafnið hineinpasst. Abgesehen von sechs Büchern auf dem Fensterbrett sowie einem kleinen Tisch mit Holzstuhl bleibt der Ladennachbau leer und ist somit in seiner ganzen Größe beziehungsweise Enge erfahrbar. Immerhin passen fürs Künstler-Gruppenfoto die Protagonisten nebeneinander gerade so ins Schaufenser. Die sechs Bücher auf dem Fensterbrett sind Listen aller jemals bei Boekie Woekie erhältlichen Publikationen und liefern somit den Beweis für die langjährige und kontinuierliche Arbeit. An den Wänden und auf den Tischen des Museums stellen Henriëtte van Egten, Rúna Thorkelsdóttir und Jan Voss eigene Arbeiten sowie Gemeinschaftswerke aus, vom Buch über Buchobjekte und Drucke bis hin zu Skulpturalem.

Einen musikalischen Beitrag zur Eröffnung leistet der Musiker Gunnar Gunnsteinsson. Er nahm sich der Selten gehörten Musik an, die Dieter Roth gemeinsam mit Musikern und Komponisten in den 1970er Jahren improvisiert und aufgenommen hatte. Gunnsteinsson notierte ausschnitthaft drei Sätze in einer Partitur, im Nýlistasafnið spielte er eine Neuinterpretation der Stücke gemeinsam mit einem achtköpfigen, jungen Orchester. In folgendem Audio-Mitschnitt erklärt Gunnar Gunnsteinsson die Hintergründe zur Entstehung der Performance im Nýlistasafnið:


Was außerdem in einem Buchladen los ist, zeigen die Künstler ironisch sowohl auf dem Ankündigungsplakat als auch in der Ausstellung. Dort sind vollgefüllte Staubsaugerbeutel zu finden, deren Inhalt kein außergewöhnlicher zu sein scheint. Bücher und Staub standen und stehen in einem gewissen Zusammenhang, das ist auch bei Boekie Woekie nicht anders. Glücklicherweise bleibt es bei dieser per Plastikbeutel hermetisch abgeschlossenen Anspielung, tatsächlich sind die Papierarbeiten Rúna Thorkelsdóttirs und der anderen beteiligten Künstler alles andere als angestaubt. Farbenfroh und feingliedrig zeugen sie vom anhaltenden Schaffen der Künstler und bringen eine lebendige Atmosphäre an die Wände des Nýlistasafnið, die Neugierde auf das kleine Ladenlokal in Amsterdam wecken. Das es bei den Beuteln aber nicht um den Staub als solches geht, wird spätestens dann klar, als Jan Voss ihn zur Beschreibung dessen nutzt, was Boekie Woekie für ihn immer war und ist: “It’s a long story. To cut it short (there is namely, as always, only little time) let me call Boekie Woekie a sponge, saturated with a mixture of playfulness and tears of sadness and laughter (one could even squeeze it for love stories). Or should I say, look, it’s quite like a big, dry vacuum cleaner bag, full of notions, stances, and examined behavior?”

09.01.2016 – 21.02.2016
Boekie Woekie 30 years, books – and more – by artists
The Living Art Museum / Nýlistasafnið
Völvufell 13-21
111 Reykjavík
Iceland.

 

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Anmerkungen

1 Jan Voss im Interview mit Dr. Anne Thurmann-Jajes am 09.01.2016 im Living Art Museum, Reykjavík.

2 archived.janvaneyck.nl/0_4_6_text_files/Distribution_Boekie_Woekie.html (09.02.2016)