Artists´ Books and Africa

Eine (online-)Ausstellung am Smithsonian National Museum of African Art

von Peter Sämann

“The Smithsonian Libraries are a hidden national treasure” schreibt das Smithsonian Institute in Washington DC. über  sein vielfältiges und weitreichendes Bibliotheksangebot. Es vereinigt Büchereien unterschiedlichster Themen- und Sammlungsschwerpunkte unter dem Dach einer der größten kunst- und kulturwissenschaftlichen und –historischen Forschungseinrichtungen der USA. Das Smithsonian Institute bezeichnet sich dabei selbst als die weltweit größte Einrichtung für Forschung und Lehre und umfasst diverse eigene und angeschlossene Museen für Kunst-, Kultur-, Natur- und Wissenschaftsgeschichte sowie  Galerien, Einrichtungen für Forschung und Lehre, einen Zoo, Kulturzentren und Büchereinen unter seiner Organisation. Gegründet würde das Smithsonian Insitute auf expliziten Wunsch und Basis des großzügigen Nachlasses von James Smithson, einem britischen Wissenschaftler, der zeitlebens sehr viel gereist ist. Er hinterließ sein Vermögen dem amerikanischen Staat zur Gründung einer Einrichtung zur Mehrung und Verbreitung von Wissen in Washington. So gründete die Regierung der Vereinigten Staaten 1847 die Institution unter dem Namen United States National Museum1, die vom Volksmund liebevoll „the nation´s attic“2 genannt wurde.

Bestandteil des Smithsonian Institute ist das National Museum of African Art in Washington DC, ein Haus, dass die größte Sammlung von zeitgenössischer und altertümlicher Kunst afrikanischer Künstler in den USA beherbergt. In der Sammlung sind nahezu alle afrikanischen Staaten vertreten, sie umfasst diverse Formen von Medien- und Videokunst, Fotografie, Plastik, Malerei und einiges mehr.

Für das Ausstellungsprojekt Artist´s Books and Africa ist das National Museum of African Art eine umfangreiche Kooperation mit der Warren M. Robbins Library eingegangen, die Teil der Smithsonian Libraries ist und sich im Gebäude des National Museum of African Art befindet. Die Bibliothek umfasst eine große Sammlung an afrikanischer Kunst unterschiedlichster Genres, darunter eine kleine Sammlung an Künstlerbüchern und Buchobjekten. Diese Sammlung der Bibliothek bildet gemeinsam mit der Sammlung des Museums die Basis für eine von Janet L. Stanley kuratierte Ausstellung zu Künstlerbüchern afrikanischer Künstler und Publizisten sowie internationaler Buchkünstler, die in ihren Bucharbeiten den afrikanischen Kontinent thematisieren.

Die Verschiedenartigkeit der Bücher und Objekte stehen ebenso im Fokus der Ausstellung  wie die unterschiedlichen Herangehensweisen der Künstler: Elefantenfolios, Faltungen, Multiples und illustrierte Künstlerbücher sind zu sehen, erarbeitet durch einen einzelnen Künstler oder in einer Kooperation mehrerer Beteiligter. Die Verwendung von Gestaltungstechniken, Materialien, Drucktechniken und Arten der Buchbindung wird ebenso beleuchtet wie die Erstellung des inhaltlichen Ausdrucks und die Führung des Lesers oder Betrachters durch das Werk.  

Neben der Ausstellung der physischen Bücher in den Räumen des Museums findet auf einer speziell dafür eingerichteten Website das digitale Pendant im Internet statt. In dieser online-Ausstellung3 sind sämtliche Exponate der Ausstellung im Museum aufgeführt, abgebildet und mit ausführlichen Begleittexten präsentiert. Unterteilt in zehn Kategorien ist die online-Ausstellung übersichtlich und informativ gestaltet, sie beschränkt sich dabei auf sachliches, klares Webdesign und fördert damit die Übersichtlichkeit dieses Netzortes. Ergänzt wird die Präsentation der Exponate durch ein Interview mit Jack Ginsberg, der in den letzten 40 Jahren eine umfangreiche Sammlung zur Buchkunst Südafrikas angelegt hat und das online-Archiv www.theartistsbook.org.za betreibt. Ebenso ist ein Film über die Ausstellung und deren Macher sowie einige der beteiligten Künstler zu finden, der einen Blick in die Arbeitswelten der Buchkünstler sowie die Entstehung der Ausstellung bietet.

Screenshot der online-Ausstellung, library.si.edu/exhibition/artists-books-and-africa, 05. Oktober 2016

Die online-Ausstellung präsentiert die Werke mit einem besonderen Fokus auf deren Hintergründe und Bezüge. In ausführlichen, aber nicht überbordenden Texten werden Werk, Künstler und Hintergründe beschrieben und erläutert, die Texte sind dabei durchsetzt mit Abbildungen der Werke, die auf Klick vergrößert werden können. Dieses Konzept hat gegenüber der physischen Ausstellung im Ausstellungsraum zwei Vorteile:
Einerseits sind die Abbildungen der Werke und die erklärenden Texte so ineinander verzahnt dargestellt, dass dem Betrachter eine Wahrnehmung beider Bestandteile der Ausstellung sehr leicht fällt. Die präsentierten Inhalte erhalten dadurch eine hohe Zugänglichkeit, Abbildung und Text bilden eine Einheit mit hohem Informationsgehalt für den online-Besucher.
Andererseits bringt die Tatsache, dass digitale Abbildungen mehrerer Buchseiten nebeneinander gestellt werden können, gegenüber der physischen Ausstellung einen weiteren Vorteil. Im Ausstellungsraum ist die Sichtbarkeit des Buches meist auf eine Doppelseite beschränkt, sofern nur ein Exemplar in der Ausstellung vorhanden ist und dieses aus konservatorischen Gründen in einer Vitrine für den Besucher unzugänglich ausgestellt ist (was meist der Fall ist). In der Online-Ausstellung sind die Arbeiten hingegen weitaus ausführlicher einsehbar, da diverse Buchseiten abgebildet werden, unterschiedliche Objektansichten oder –zustände gezeigt werden und so mehr vom Inhalt des Buches oder Objekts erfahrbar wird.

Dem Nachteil der digitalen Reproduktion am Bildschirm und der damit erfolgenden Reduktion eines dreidimensionalen Objekts auf eine zweidimensionale Abbildung versuchen die Ausstellungsmacher durch hochauflösendes Bildmaterial und Makroaufnahmen in hervorragender Qualität zu kompensieren: der Benutzer hat die Möglichkeit, die Abbildungen stark zu vergrößern und somit auch kleine Details in der Oberfläche des Werks zu betrachten. So wird die Arbeit Bits and Pieces des Südafrikaners Peter Clarke in unterschiedliches Zuständen gezeigt, Detailaufnahmen  lassen schwer sichtbare Einzelheiten erkennen. Fourteen Stations of the Cross von Keith Dietrich, ebenfalls südafrikanischer Herkunft, ist eine aus drei Büchern mit diversen Ausfaltungen bestehende Arbeit, die mittels mehrerer Fotografien aus unterschiedlichen Perspektiven in ihren Details und Eigenschaften vielfältig abgebildet ist. Die optische Erfahrbarkeit findet dadurch selbst gegenüber dem Original in der Vitrine eine Steigerung, jedoch stets begleitet durch den unweigerlichen Verlust jeglicher Dreidimensionalität und haptischer Wirkung.

Die technische Umsetzung des Ansichtsmodus mit Blätterfunktion gestaltet das Betrachten des Bildmaterials der Online-Ausstellung sehr angenehm. Je nach Modus ist ein durchblättern durch die Abbildungen sehr einfach machbar oder die Vergrößerung der Abbildung bis in kleinste Details und das hin und herschieben des Bildes auf dem Bildschirm per Mouse möglich.

Ergänzt wird die Ausstellung durch exponatbezogene Link-Verweise auf weitere online-Ressourcen zu den Arbeiten oder Künstlern, zu beteiligten Druckereien oder Kollaborateuren sowie zu weiterer Sekundärliteratur im Internet.

Stanley, Bibliothekarin der Warren N. Robins Library,  ist mit der Kombination von physischer Schau und online-Umsetzung eine Ausstellung gelungen, die eine potentiell hohe Reichweite, Zugänglichkeit und Informationsdichte besitzt. Auch wenn sie mit dem Hinweis starten, dass Künstlerbücher und afrikanische Kunst bisher kaum in Zusammenhang gebracht wurden, gewinnt der Besucher den Eindruck, Einblick in eine lebendige, elaborierte afrikanische Kunstszene zu erhalten und besonders durch den dokumentarischen Filmbeitrag den Künstlern sehr nahe zu kommen.

 

Online-Ausstellung:
library.si.edu/exhibition/artists-books-and-africa

Ausstellung:
16.09.2015 – 11.09.2016
Artists´ Books and Africa
Smithsonian National Museum of African Art
950 Independence Avenue, SW
Washington, D.C. 20560
USA

___

 

Anmerkungen

1 https://en.wikipedia.org/wiki/Smithsonian_Institution (23.08.2016)

2 Kernan, Michael, A Real Nation's Attic. Smithsonianmag.com, November 1997

3 http://library.si.edu/exhibition/artists-books-and-africa (23.08.2016)