„ActionRadio“ als Medium des Protests


von Max Konek

Am Anfang war das Wort. Beim ActionRadio war es nicht anders. Ist natürlich ein gewagter Vergleich, aber es gibt Parallelen zwischen der Stimme Gottes und der Stimme des Radios. Beide kommen aus dem OFF und haben meistens die Wahrheit für sich gepachtet. Und beide sprechen nicht in ihrer Person, sondern benutzen ein Medium, im ersten Falle ist es Moses oder ein Priester, im anderen ein technisches Gerät. Tatsächlich erinnere ich mich an meine Kindheit, als aus dem damals noch sowjetischen Radio um 12 Uhr Mittags heraushallte: „Hier spricht Moskau!...". Wer war dieses 'Moskau', etwas großes und mächtiges, allwissendes und vertrautes. Zuerst gab es eine Zeittaktung, danach wurden in einer großen theatralischen Geste die Nachrichten verkündet und zum Schluss wurde es spannend, denn dann kam Musik. Natürlich war es das Propagandamittel Nr. 1, sowohl bei den Nationalsozialisten als auch bei den Realsozialisten. Volksempfänger, das was in keinem Haushalt fehlen durfte. Auf der anderen Seite habe ich noch ein anderes Bild im Kopf, wenn ich an Radio denke. Ein paar bärtige Männer in aufgeknöpften Uniformen irgendwo im Dschungel, mit einem Kasten und super langer Antenne. Der Guerillasender, das Bild, das sich wahrscheinlich aus Büchern des Mythos Che Guevaras und billigen Hollywoodstreifen über Rambo speist. Spannend, dass es sich hier um ein und dasselbe Medium handelt, aber anscheinend mit unterschiedlicher Funktion, einmal ist es ein (Volks)Empfänger und ein anderes Mal ist es ein (Guerilla)Sender. Und tatsächlich war es diese „Offenbarung", dass das Radio ein Medium ist, das in (beide oder vielleicht zwei) Richtungen funktioniert, die ein Auslöser war, das Radio als ein künstlerisches Medium zu nutzen. Der Anlass war der Uni-Kunst-Protest. Um für einen Protest zu mobilisieren und ihn aufrecht zu erhalten, bedarf es mehrerer Sachen. Das Zentrale ist aber die Streuung der Information und Agitation. Aktualität ist wichtig, Handlungsmöglichkeiten, Reflektion und Struktur.

All das sollte in die Arbeit von ActionRadio einfließen. Die Ziele lauteten:
1. Informationsstreung
2. Empfänger, Plattform für Vernetzung
3. Emanzipation
4. Künstlerischer Einsatz des Mediums
5. Schaffung eines Symbols des Widerstands

"Action-Radio"-Sendeturm, Installation in der Uni Bremen, GW2, vor dem besetztem Raum 3009, November 2012
Foto: Max Konek

Bei diesen Zielen kann mensch jetzt natürlich auch jedes andere Medium vermuten, vor allem die Protest-Zeitung. Was sprach aber für das Radio? Zuallererst sprach fürs Radio, dass es weniger Aufwand war einen Sender zu betreiben, sowohl zeitlich als auch was den Materialaufwand angeht. Es müssen nicht tausende von Papierbögen bedruckt und ausgeteilt werden nur für ein paar Informationen, die nach dem Austeilen ihre Aktualität verliehren und dadurch am nächsten Tag im Papierkorb landen. Es muss nicht viel getippt, abgetippt, korrigiert, gesetzt und gelayoutet werden. Zusätzlich ist der (Uni)Informationsmarkt komplett überlastet mit Flyern und Werbebroschüren. Vorteile, die ich im Radio sah, waren die Hörbarkeit, denn es wurde Live ins Gebäude übertragen, aber auch der Aspekt der Mobilität, denn jede*r konnte es über Internet überall empfangen. Das Medium kann auch sehr spontan genutzt werden, die Technik (Laptop und Micro) kann überallhin mitgenommen werden und mit Internetverbindung kann sofort gesendet werden. Außerdem ist es ein schönes Medium, um einen Alltagsbetrieb zu stören, was bei einem Protest nicht unerheblich ist, denn bei einer Live-Übertragung helfen nur Ohropax. Es ist aber auch klar, dass das Radio nicht alle anderen Medien ersetzt, sondern eine Erweiterung der Kampfzone bedeutet.

Kommen wir nun zu den einzelnen Zielen und deren Erläuterung. Zu dem ersten Punkt der Informationsstreuung ist nicht viel zu sagen, jede Information die zu dem Zeitpunkt relevant war, wurde vorgelesen. Was passiert, wann und wo, waren die zentralen Fragestellungen. Der zweite Punkt der Funktion als Sender und der dritte der der Emanzipation hängen zusammen. Von vornherein bestand die Idee, das Radio wieder in das Element zu versetzen, was es ursprünglich war: ein Medium, in dem sich Sender und Empfänger der Informationen begegnen. Du hast was zusagen, dann los, nimm das Micro in die Hand oder lass dich per "Skype" dazuschalten. Denn das ActionRadio wurde immer Live übertragen, vor allem um den Aspekt der Spontaneität und Transparenz zu erhöhen.

Dazu wurde auch die Technik so einfach wie möglich gehalten. Der künstlerische Ansatz bei diesem Medium hat sich vor allem mit der Grenzüberschreitungen beschäftigt. Die Herausforderung des Mediums, die Technik zur Diskussion zu stellen, war ein wichtiges Instrument um es zu entzaubern. Beispielhaft wurde mit der Lautstärke gearbeitet, mal wurde Stille gesendet, mal wurden Geräusche mit dem Mikrofon durch das Abklopfen von Gegenständen erzeugt. Die Künstlichkeit des Mediums wurde durch die Live-Übertragung mit ihren Versprechern und technischem Versagen, thematisiert. Es tauchten Fragen auf nach Kontrolle, Wahrheitsgehalt, Überschneidungen zwischen dem virtuellen und realen Raum, zum Beispiel wenn eine Sendung einfach komplett vom Band abgespielt wird und in einer anderen ein eingehendes Telefonat manipuliert wird. Die Technik als ein Medium zwischen dem Menschen und der Umwelt wird in den Vordergrund gerückt. Es wird aufgezeigt, dass erst durch das menschliche Tun die Technik an Bedeutung, Aussage und Macht gewinnt. Wenn es um Protest geht, ist ein Kampf, den mensch führt, der Kampf um Symbolmacht. ActionRadio wollte ein Symbol des Widerstands sein. Den Unialltag durchbrechen, stören, Raum einnehmen. Das wurde nicht nur durch die hallenden Stimmen aus dem Lautsprecher erreicht, sondern auch durch eine Holzkonstruktion (siehe Bild), die quer im Raum stand und mit Baustrahlern ausgestattet war, so dass das Radio eine Verortung erfuhr, wie der Sendeturm in der Stadt. Durch einen Jingle, der immer wieder abgespielt wurde, und durch den Namen ActionRadio war es in den Köpfen der Menschen präsent. Und auch dadurch, dass das Radio an sich als Medium schon sehr viel symbolische Macht mit sich bringt. Trotz all diesen Zielen war das ActionRadio von der Dramaturgie her den gängigen Formaten im Massenradio sehr ähnlich. Es gab einen Jingle, Nachrichten, Werbung, Musikblocks und einen künstlerischen Teil. Das gab den Menschen im ersten Moment eine gewisse Orientierung und einen Wiedererkennungswert. Die Reproduktion dieser Struktur wurde aber durch die gezielten „künstlerischen Fehler" gestört und neu verortet. Die Zuhörer mussten durch Abweichungen von gewohnten Rezeptionsmustern mitdenken und umdenken. Dies ist etwas, was sich auf alle Praktiken des Protests übertragen sollte.

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