Grenzüberschreitung als spielerische Herausforderung

Zur Funktion von Karel Trinkewitz‘ visueller und konkreter Poesie im Kontext seiner gestalterischen Objekte

von Wolfgang Schlott

Solange eine umfassende Würdigung seines künstlerischen und literarischen Werkes an dem Umstand scheitert, dass die Werke des am 15. März 2014 im Alter von 82 Jahren verstorbenen Zeichners, Journalisten, Dichters, Buchillustrators, Karikaturisten, Romanciers und Künstlers Karel Trinkewitz  nur teilweise erschlossen, präsentiert und rezipiert worden sind, solange bleibt die aus dem tschechisch-deutschen und jüdischen Kulturkreis stammende Persönlichkeit einer breiteren kulturell interessierten europäischen Öffentlichkeit verschlossen. Am 23. August 1931 in Mećeríž, in der Nähe von Mlada Boleslav (Kleinbunzlau) geboren, ist seine Identitätssuche von unterschiedlichen kulturellen Einflüssen und seiner unermüdlichen Aneignung von künstlerischen Gattungen geprägt worden. Nicht minder betroffen war seine Kindheit, Jugend und frühes Erwachsenendasein von den rassistischen Verfolgungen während der deutschen Okkupation der Tschechischen Republik zwischen 1938 und 1945 sowie von der kommunistischen Herrschaft der CSSR zwischen 1948 und 1989. Die deutschen Besatzer verfolgten die aus einer deutsch-jüdischen Familie stammenden Eltern von Karel, er selbst wurde vom Besuch eines Gymnasiums ausgeschlossen. Nach 1945 von den Tschechen – gemeinsam mit seinem Bruder - als „Deutscher“ schikaniert, durfte er dennoch, nach der Rehabilitierung seiner Familie, das tschechische Abitur ablegen. Sein Jurastudium an der Prager Karls-Universität musste Karel wegen einer Denunziation und seinem offensichtlichen Engagement für die „dekadente“ westliche Kunst abbrechen. Der Ausweg bestand in einer Töpferlehre, die ihm für seine spätere künstlerische autodidaktische Laufbahn allerdings entscheidende Vorteile brachte. Seit 1961, noch während er seinen Lebensunterhalt als Journalist bestritt, interessierte er sich für die seit Mitte der 1950er Jahre in Westeuropa und in der BR Deutschland wieder aufkommende visuelle und konkrete Poesie, beschäftigte sich mit Futurismus und Dadaismus, vertiefte sich in die Zen-Kalligraphie und die japanische Haiku-Dichtung. Dieses breit gefächerte künstlerische Interesse bestätigte ihm Ulrich Ernst:

„Ausschlaggebend für seine künstlerische Entwicklung wurden frühe Experimente mit Typographie unter dem Einfluß des Bauhauses, die persönliche Bekanntschaft mit Max Bense im Jahre 1975, die Aufnahme in den Prager Kreis um Jirí Kolář und die Beteiligung an mehreren Ausstellungen visueller Poesie.“1

Wie eindringlich der künstlerische und ethische Einfluss von Jirí Kolář auf die frühe Entwicklungsphase im Werk von Trinkewitz war, zeigt dessen Studie über den 1914 in dem südböhmischen Städtchen Protivin geborenen Dichter, Dramatiker und meisterhaften Collage-Künstler. Karel Trinkewitz hatte 1965 bei der Gründung des „Klub der Konkretisten“ den Kontakt zu Kolár gefunden. Über ihn fand Trinkewitz auch den künstlerischen Zugang zur japanischen Haiku-Dichtung2, die in seinem komplexen Werk eine bedeutende Funktion erhielt.3

Mitte der 1960er Jahre nahm er Kontakt zu dem in Stuttgart lebenden Philosophen und Kunsttheoretiker Max Bense auf, der 1967 an der dortigen Technischen Hochschule eine Professur erhielt.  Ergebnis der langjährigen Zusammenarbeit war unter anderem die zehn Jahre nach dem Tod des renommierten Hochschullehrers 1990 fertig gestellte und erst im Jahr 2000 gemeinsam mit Max Bense, Zdenek Felix und Dietrich Mahlow publizierte Schrift Collagen und Objekte. Neben diesen beiden künstlerischen Feldern beschäftigte sich Trinkewitz seit Beginn der 1970er Jahre mit Roman-Theorien. Ihren Ausdruck fand diese Arbeit in Entwürfen zu einem Meta-Roman und einer Fülle von Exzerpten, Konspekten und Briefen zu dieser Thematik, deren Dokumente gegenwärtig im Archiv der Forschungsstelle Osteuropa in Bremen bearbeitet werden.

Ein dritter künstlerischer Bereich, in dem sich Trinkewitz erfolgreich betätigte, waren seine zeichnerisch-illustrativen Werke. Sie prägen sowohl eine Reihe von Haiku-Bänden als auch  anschaulich gestaltete Kompendien über Prag und Verona. Die gleichsam mit nervöser Handschrift umgesetzten Zeichnungen (kresby) erweisen sich nur auf den ersten Blick als figürlich. Vielmehr greifen sie rhythmische visuelle Wahrnehmungen auf. Zugleich reflektieren sie den komplexen physiologischen und neuronalen Ablauf bei der Herstellung von Bildern im Sehvorgang des betrachtenden Menschen.

Besonders auffällig ist dieses Verfahren bei der illustrativen Gestaltung der 201 Haiku in dem Band Lob des Haiku. Chvála Haiku. Die dort abgedruckten tschechisch- und deutschsprachigen Haiku-Gedichte, illustriert mit Tuschezeichnungen, enthalten in der Anlage einen tiefschürfenden Essay über die Jahrhunderte währende Tradition dieser aus der japanischen Kultur stammenden dreizeiligen Versform mit der Silbenzahl 5,7,5. Trinkewitz, der nach langjährigen Experimenten mit dieser Urform einen doppelgereimten Vierzeiler entwickelte, verweist in „Die unerträgliche Leichtigkeit des Haiku“ auf die starke Beeinflussung des Haiku durch die Zen-Ästhetik. Sie sei Ausdruck und Gefühl „einer Unabgeschlossenheit, Unbegrenztheit, Unausgesprochenheit, Lückenhaftigkeit, Andeutunghaftkeit.“4 Den Nachweis dafür, dass das Haiku seinen Gipfel in der ästhetischen Aussage durch die Verbindung mit Tuschemalerei und Kalligraphie erreiche, erbringt der theoretisierende Künstler mit dem Hinweis auf die wesentlichen Prinzipien der Zen-Lehre:

„So wie für die Lehre des Zen jede Erscheinung nur eine vorübergehend Form der einzigen ewigen Wesenheit (Tao) darstellt, die sich auch in der kleinsten Sache spiegelt – flüchtig, zufällig, wandelbar – so kann auch der Maler mit wenigen Strichen des Pinsels oder der Dichter mit wenigen Silben des Dreizeilers ein kleines Segment der Realität auffangen, hinter dem die Unendlichkeit des Weltalls derjenige erahnen kann, der sich in das Kunstwerk, ob Bild oder Gedicht, einzufühlen vermag.“5

In seiner künstlerischen Praxis hat er die aus einer fernöstlichen Kultur stammende ontologische Erkenntnis insoweit umgesetzt, als er Verfahren der Kalligraphie und der Tuschmalerei im Kontext seiner Haiku-Dichtung verwendet. Diese Kombination erweitert er in Haiku o Praze, indem er Prager stille Winkel und Ecken zeichnerisch skizziert. In dem Band „Lob des Haiku“ bilden die Illustrationen aufgrund ihrer ikonischen Strukturen ergänzende wie auch eigenständige semantische Aussagen. Dieses künstlerische Repertoire erweitert Trinkewitz in dem aus dem Jahr 2010 stammenden Band Tristium Rabi, wo er Fotografien von seinen Plastiken, Bildern und Collagen verwendet.

Collagen – in der Eigenschaft als viertes künstlerisches Verfahren nehmen im Werk von Trinkewitz einen besonders eigenwilligen Stellenwert ein. In seinen Anmerkungen zu diesen Kunstgebilden von Karel Trinkewitz stellte Max Bense fest, dass „als Mittel bzw. als Gegenstand dieser Collagen dienen nur Wörter, die durch Auswahl ihres Repertoires ganz dicht auf Papier gebracht werden. Diese Wörter dienen nicht dazu, Texte als Prosa oder als Poesie zu gestalten, sie bleiben immer das, was sie sind, nämlich Wörter.[…] Sie sind eher bloße sprachliche Elemente, die sich aber nicht auf Bedeutungen beziehen. Sie fordern sozusagen nur den Blick heraus. Was immer Karel Trinkewitz als Collagen bezeichnet, entsteht durch die Wahl von Wörtern, die aneinander gereiht Flächen ausfüllen, aber keine Texte bilden.“6 Nach Bense bezeichnet man diese freien, gewählten Wörter „als selbständige Zeichen, deren Existenz gänzlich vom agierenden ästhetischen Autor abhängen.“ In diesem Fall sind Collagen ästhetische Konstruktionen, die „nur das sind, was ihre Buchstabenfolge darstellt. Sie bezeichnen zwar Personen oder Dinge dieser Welt, ohne sich jedoch auf ihre Existenz zu beziehen.“7

In handwerklicher Hinsicht besteht die Herstellung der Collage nach Bense also in dem Zusammenkleben von Wörtern bzw. Wortserien, deren ästhetischer Eigensinn durch die Form bzw. durch den Platz gegeben ist, den sie auf der Fläche einnehmen. Und welchen Stellenwert erhalten z.B. Bilder, Porträts oder Briefmarken, die als Collage-Elemente in den bereits collagierten Texten auftauchen? Sie besitzen eine ästhetische Eigenrealität, deren Aussage neu zu definieren ist. In Trinkewitz‘ Werken übernehmen solche Text-Bild-Collagen vielschichtige Funktionen. In einer vorläufigen Zusammenstellung seien genannt: Collagierte literarische Texte, Foto-Collagen in der Form von Hommagen an berühmte Zeitgenossen, politische Texte in der Form von Collagen, Collagen, in denen die Decollage einmontiert ist, materialisierte Collagen als Flaschen-Aufkleber.

Projekt einer Romantheorie, 1972.
In: Karel Trinkewitz, Collagen und Objekte. Hamburg, o.J.
Ehrung für Guillaume Apollinaire, o.J.. In: Karel Trinkewitz, Collagen und Objekte. Hamburg, o.J.
Ehrung für Kurt Schwitters, o.J..
In: Karel Trinkewitz, Collagen und Objekte. Hamburg, o.J.
Love Story, Decollage/Collage, 1975.
In: Karel Trinkewitz, Collagen und Objekte. Hamburg, o.J.


Ein besonders anschauliches Beispiel für die Umsetzung von Collagen in einem literarischen Text ist der Bühnenroman von Jaroslav Gillar & Vladimir Škutina Josef Schwejk und Josef K., zwei einsame Passanten auf der Karlsbrücke, deutsch von František Švab, mit den Collagen von Karel Trinkwitz. Der 1983 in Zürich aus Anlass des hundertsten Geburtstags von Jaroslav Hašek und Franz Kafka erschienene Roman enthält in der grafischen Gestaltung von Dominik Wallenfels zahlreiche Abbildungen. Auf ihnen sind auf dem Hintergrund von Grafiken und Fotografien die Reproduktionen vom braven Soldaten Schwejk nach Josef Lada oder von Franz Kafka, wie auch Pin-up-Girls neben Richtern in Dienstroben oder entblößten renommierten tschechischen Dichtern, darunter auch Karel Trinkewitz, zu erkennen.

Illustration, 1982. In: Josef Schwejk und Josef K., Zwei einsame Passanten auf der Karlsbrücke. BOBARTS, Zürich, o.J.

Diese parodistischen Beziehungen zwischen berühmten literarischen Vorbildern und zeitgenössischen Schriftstellern und Künstlern schaffen eine -besonders in der tschechischen Literatur- lebendige Form der Verehrung gegenüber Kollegen, unabhängig davon, ob sie bereits das Zeitliche gesegnet haben. Für Trinkewitz, der sich seit den frühen 1970er Jahren in mehreren künstlerischen und literarischen Sphären bewegte und sich auch als Bürgerrechtler seit der Gründung der Charta 77 für die Einhaltung der Menschenrechte in der CSSR engagierte, war es deshalb nach seiner Zwangsemigration im Herbst 1979 umso wichtiger, diese Diskurse sowohl mit den daheim gebliebenen, non-konformen Dichtern und Künstlern als auch mit den Vertretern der experimentellen Weltkunst und Weltliteratur fortzusetzen. Der 2011 in Pilsen erschienene Band Jak jsem potkal básniky (dt. Wie ich den Dichtern begegnete), Mono- und Dialoge über rund 150 europäische Dichter, Künstler und literarische Übersetzer beiderlei Geschlechts, ausgestaltet mit 31 Collagen, erweist sich deshalb als ein Künstlerbuch besonderer Machart. Der lilafarbige Umschlag der Paperback-Publikation mit einer aufgeklebten Repro-Collage Art plus, bestehend aus übermalten Textfragmenten, enthält im Innenteil eine kurze Notiz über den Inhalt. Die enge Verbindung von Leben und Kunst als Motto des Bandes schlägt sich sowohl in seiner Konzeption als auch in dem beigefügten Essay von Vladimir Gardavský Karel Trinkewitz aneb život je koláž (dt. Karel Trinkewitz oder das Leben ist eine Collage) nieder. Eingeleitet durch eine Repro-Collage mit dem Titel Beuys, also Josef Beuys, erweisen sich die folgenden, oft rhythmisierten Prosatexte als Erinnerungen und Hommages an renommierte und weniger bekannte Wortkünstler. Im Falle der tschechischen und deutschen Zeitgenossen, so stand Trinkewitz mit ihnen meist in direktem Kontakt. Mit den europäischen wie auch den beiden japanischen Haiku-Dichtern Takahashi und Kawabashi verband ihn ein stetiger geistiger Austausch. Oft war es eine ihn überraschende Nachricht, die Karel Trinkewitz bewog, seine Bewunderung über die Person und ihr Werk zum Ausdruck zu bringen. Wie im Falle von Herta Müller, als er im Kulturteil der FAZ las, dass sie ihre Romane unter anderem aus Zeitungsausschnitten und zerschnittenen Bildern montiert. Und als er wenig später erfuhr, dass sie im Dezember 2009 den Literaturnobelpreis erhielt, fügte er hinzu: „aber eigentlich auch für visuelle Poesie“ und „Wir alle visuellen Dichter/ der ganzen Welt  sind stolz/ das eine aus unserer globalen Familie / jetzt eine Nobeldame ist.“8

Dieser kreativen Verbindung von Wortkunst und visueller Kunst sind die Trinkewitz’schen Collagen gewidmet. Unter ihnen erweisen sich die Collage Čepice pro Jandla (dt. Eine Mütze für Jandl) mit dem parallel abgedruckten Text Ernst Jandl9 wie auch die Collagen Marilyn liest Joyce10 und Picasso und ich11 insoweit als besonders gelungen, als sie Poetik mit einem visuellem Konzept in ein dynamisch aufgeladenes Spannungsverhältnis bringen.

Marilyn liest James Joyce, 2010, Collage, 29x21cm. In: Karel Trinkewitz, JAK JSEM POTKAL BÁSNÍKY, Imago et Verbum, Svazek 14, Plzeň 2011.

„Leben ist Collage“ – diese ontologisch und künstlerisch aufgeladene Feststellung genügt bei weitem nicht als Wertung für das Schaffen von Karel Trinkewitz. Einen ebenso wichtigen Faktor bilden die politischen und politsatirischen visuellen und verbalen Aussagen in seinen Politik-Collagen in den 1970er und 1980er Jahren. Ihre Auswertung, die bislang noch nicht in Angriff genommen wurde, könnte die Hypothese untermauern, dass Trinkewitz als politisch engagierter Künstler sich all jener künstlerischen Mittel bediente, die hier nur überblicksartig beschrieben werden können. Dazu gehören auch die subtilen satirischen Verfahren, in denen sich der inkommensurable Reichtum eines Werkes widerspiegelt, dessen Produzent oft mit dem „Pseudonym“ WITZ seine Collagen und Objekte signierte. Als ob er seine komplexe künstlerische Persönlichkeit in zwei Hälften spalten müsste, weil die Flut seiner Einfälle und der hintergründige Witz seiner Darstellungen den Betrachter überfordern würde!

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Anmerkungen

1 Ulrich Ernst: Intermedialität im europäischen Kulturzusammenhang. Beiträge zur Theorie und Geschichte der visuellen Lyrik. Berlin 2002, S. 266.

2 Vgl. Barbora Rivolova: Haiku im Werk von Karel Trinkewitz, H.C. Artmann, Durs Grünbein und Alois Vogel, Masaryk Universität Brno, 2011.

3 Vgl. Karel Trinkewitz: „Haiku o Praze. Sto haiku y sto kreseb“, Praha 1984. „Lob des Haiku. Chvála Haiku.“ Praha 2004.

4 Ebda. S.  214.

5 Ebda. S.  215.

6 Max Bense. Freiheit, Schönheit, Eigenheit. Bemerkungen zu den Collagen von Karel Trinkewitz. In: Karel Trinkewitz. Collagen und Objekte, Hamburg o.J., S. 3.

7 Ebda.

8 Vgl. ebda. S. 243.

9 Vgl. ebda. S. 178/179.

10 Vgl. ebda. S. 235.

11 Vgl. ebda. S. 310.