James Lee Byars

Aktionen und Ereignisse der Perfektion1

von Thomas Deecke

 

I AM A MYSTIC2

Im März 1978 erschien, schwarz gekleidet mit schwarzem Zylinder, James Lee Byars in der abgedunkelten Halle des University Art Museum Berkeley California, betrat ein kleines Podest, verharrte für einige Sekunden im Lichtkegel eines Scheinwerfers in der Ecke des großen Raumes, formte die Lippen zu einem lautlosen Kuss und verließ schweigend den Raum: THE PERFECT KISS .

Im Palais des Beaux Arts in Brüssel saß ganz in Weiß James Lee Byars auf einem weißen Sofa in einem großen weißen Raum. Betrat ein Besucher den Raum, erhob sich der Künstler und schrieb mit feierlich langsamer Geste ein spiegelverkehrtes „I Love You“ in die Luft als hielte er ihm einen unsichtbaren Liebesbrief entgegen: THE PERFECT LOVELETTER.

Im Schloßpark Glienicke bei Berlin, fast schon im schwer erreichbaren Potsdam an preußisch historischem Ort, versammelte sich eines Sonntags morgens eine kleine Gruppe Eingeladener – das Einladungsblatt war ein mit weißem Stift beschriebenes Seidenpapier-Ei – als aus dem Park mit eiligem Schritt James Lee Byars herauseilte, eine metergroße runde Glasscheibe in den Händen, aus deren Mitte im Licht der frühlingshaften Sonne ein winziges goldenes Scheinen hervorblitzte A GLIMPSE IS ENOUGH.

Die Reihe dieser Ereignisse lässt sich weiterverfolgen; eine Menge ähnlicher, verwandter Aktionen oder Performances sind an zahlreichen Orten besonders in Europa inzwischen angelaufen und haben James Lee Byars bei seinen Freunden zu Recht den Ruf eines der konsequentesten Performer eingetragen. Seine Stationen waren Bern (als Gast der Galerie Toni Gerber), Venedig Biennale 1975, als er den Markusplatz mit einer ins Riesige vergrößerten Menschenfigur bedeckte (das ästhetische Gegenstück zur Müllfüllung von H.A. Schult), Amsterdam bei De Appel, als er wie bei zahlreichen seiner Aktionen zusammen mit seinem weiblichen Doppel BB Göbel an 16 Tagen 8 verschiedene Performances an verschiedenen Orten in der Stadt aufführte, Mönchen-Gladbach, wo ein goldener Katalog-Karton zu seiner Ausstellung THE PHILOSOPHIEAL FLAG erschien.3

Der Höhepunkt war sicherlich die Präsentation seiner selbst in der National Gallery London, die seinen Leitbegriff selbst zum Thema hatte: THE EXHIBITION OF PERFECT, die erste Ausstellung eines Lebenden vor und in diesen geheiligten Räumen, eine Ausstellung übrigens, wie sie ähnlich bereits zuvor im Kunstmuseum Bern stattfand.

Fast alle diese Werke Byars' sind Aktionen, Ereignisse des Augenblickes, sind schon vorbei, wenn die Angesprochenen, die Eingeladenen noch glauben, es habe erst begonnen. Seine Kunstwerke sind im Entstehungsprozess bereits vollendet, sie haben jedoch mit Prozesskunst nichts zu tun. Die Perfektion – sein Lieblingsbegriff und das Leitmotiv seines HandeIns – liegt in der Umsetzung der Idee in einem Moment der Konzentration und Poesie. Die Handlung seiner Performances – diese Sekundenstücke sind darauf angelegt, in der Erinnerung des Betrachters nachzuhallen oder aber in die Bodenlosigkeit des Unverständnisses zu fallen.

WHICH QUESTIONS HAVE DISAPPEARED. Der Perfektionismus von Byars erfordert den perfekten, ganz auf das Geschehen eingestellten Teilnehmer. Sein Wirken ist jedoch trotzdem nicht auf Kommunikation eingestellt, jedenfalls nicht auf die partnerschaftliche. Er gibt seine Spiele, er teilt sich mit, mit einer zeitweise geradezu überbordenden Energie, aber er ist an Reaktionen auf sich selbst nicht interessiert, ja sie erschrecken ihn zuweilen, so wenn Passanten auf seine farbigen Anzüge und sein unbewusst arrogant wirkendes Auftreten wirklich einmal reagieren. Er sammelt Fragen wie Diogenes Menschen. Ihn interessieren die wichtigsten Fragen, die 100 der bedeutendsten Forscher aller Fachgebiete sich selber stellen. In mühevoller Arbeit hat er sie zusammengetragen und dann vor Jahren schon in Belgien – in goldener Farbe so klein auf schwarzes Papier drucken lassen, dass sie mit bloßem Auge kaum noch lesbar sind. Was nicht lesbar ist, ist auch nicht beantwortbar. Die Nutzanwendung liegt in der Aufforderung, selbst Fragen zu stellen ganz im Sinne Heisenbergs und der von ihm entwickelten sog. "Weltformel" , die er als Frage und nicht als Antwort verstanden haben will. Die Antworten einer zivilisierten allseits vorprogrammierten Mediengesellschaft interessieren ihn nicht.
I CAN REPEAT THE QUESTION BUT AM I BRIGHT ENOUGH TO ASK IT? (Ich kann die Frage wiederholen, bin ich aber klug genug, sie zu stellen?) Als er die Beteiligten am Projekt in Berlin bat,4 zu seiner Utopie eigene Gedanken zu entwickeln und Texte zu schreiben, war damit sein Anteil an diesem Geschehen beendet, die Antworten hat er nie gelesen. Er und BB Göbel haben in mühevoller Nachtarbeit die Interpunktion aus dem Offset-Klischee entfernt, um die Lesbarkeit der Vision zu opfern.

Die Bezeichnung Philosoph trifft auf ihn genauso zu wie Künstler, aber die Philosophie ist für ihn kein starres Denkbild PHILOSOPHY IS NEWS, sondern im stetigen Wandel seiner Individualität unterworfen, in ihr steckt immer eine Portion Chaos.

Dieser Perfektionist, dessen Handwerk das verkürzte, d.h. konzentrierte Denken ist – THINKING IS MY FIRST QUALITY – versteht es, zwischen Anonymität und bis zur Egozentrik gesteigerten Individualität zu vermitteln. Der Widerspruch zwischen den Begriffen hebt sich in seiner Person – dem Kunstwerk – auf.

Ein Jahr lang und länger verhüllte er seine Augen mit einer schwarzen Binde, kleidete sich den Anlässen gemäß schwarz, rot oder golden, verriet er sein im Blick liegendes Partner-Sein dem Gegenübersitzenden nicht. Gleich Raymond RousseI, diesem egozentrischen Empfindsamen, hinderte sich auch Byars am Kontakt mit dem möglichen Partner.

Der Zeichner. Der Schreiber.

Auf der documenta 6 war er in der Abteilung Zeichnungen vertreten, ganz am Rande, wo die anderen schlecht Einzuordnenden zu finden bzw. zu übersehen waren. Die Wahl des Ortes war nicht falsch, jedenfalls dann, wenn man den Begriff der Zeichnung so weit fasst, wie es dort geschah. Und wo hätte er auch sonst hingehört, welche Schachtel wäre die Richtige gewesen bei dieser Schau?

James Lee Byars: Papierarbeiten
Abb. 1: James Lee Byars: Papierarbeiten

Byars entwirft keine Aktionen in Skizzen und Studien, er kennt die Vorzeichnung nicht. Byars schreibt Briefe – leidenschaftlich – Briefe in jeder nur denkbaren Form: rund, herzförmig, lang, kurz, in Form von Schlangen und Eiern, Männchen und Knochen, auf farbigem Papier, auf Blättern und vorzugsweise auf vergängliches Seidenpapier. Diese Briefe voller persönlicher und höchst eigenwilliger Abkürzungen, oft weiß auf weiß, schwarz auf schwarz geschrieben mit krauser, jedoch höchst stilisierter Schrift, die zuweilen mit Sternen verziert ist, überbringen trotz ihrer Verrätselung Nachrichten, vermitteln Ideen, sollen gelesen werden, laut gelesen werden.

Byars, der Zeichner?

Byars der Performer?

Byars der Philosoph?

Byars der Spieler?

oder gar

Byars der Scharlatan?

Dann doch lieber Byars der perfekte Narr.5

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Anmerkungen:

1 Dieses Essay erschien erstmals im KUNSTmagazin Nr. 1 / 1979, Jg. 19, S. 40ff

2 Alle herausgehobene Sätze sind Kunstwerke von James Lee Byars

3 Ein Exemplar dieses Katalogs befindet sich im Archive for Small Press & Communication / Studienzenrum für Künstlerpublikationen in der Weserburg, Bremen.

4 Die Aktion fand 1975 als Gast des Berliner Künstlerprogramms des Deutschen Akademischen Austauschdienstes statt, bei dem der Autor zu dieser Zeit als Assistent des Direktors Karl Ruhrberg tätig war.

5 Eine umfassende Ausstellung zu James Lee Byars fand im Rahmen der Sammlung Künstlerbücher im Neuen Museum Weserburg Bremen statt:
James Lee Byars: PERFECT IS MY DEATH WORD
25.08. - 26.11.1995, Kuratiert von Guy Schraenen, gefördert durch die Bremer Landesbank – Kontakte zur Kunst.
Weitere Stationen: Kunsthalle Krems, Centre National de l’Estampe et de l’Art Imprimé, Chatou. Zur Ausstellung ist ein gleichnamiger Katalog mit Textbeiträgen von Thomas Deecke erschienen.

 

Foto: Hilda Deecke 1975