Das Buch im Wandel der Zeit

Künstlerbücher im Kupferstichkabinett des Staatlichen Museums Schwerin

von Christiane Böhm
betreut durch Kornelia Röder
Kupferstichkabinett und Mail Art-Archiv, Staatliches Museum Schwerin

 

Die Ursprünge der Grafischen Sammlung des Kupferstichkabinetts am Staatlichen Museum Schwerin gehen auf die herzogliche Sammlung von Christian Ludwig II. von Mecklenburg (1683-1756) und seine Nachfolger Friedrich (1756-1837) und Friedrich Franz I. (1717-1785) zurück. Ihrer Kunstliebe ist es zu verdanken, dass die Sammlung auf rund 60.000 Werke mit vielfältigen Beständen an Zeichnungen, Druckgrafiken, Druckplatten, Druckstöcken, Papierobjekten und Künstlerbüchern angewachsen ist.

Hartmann Schedel: Schedel’sche Weltchronik, 1493, 43 x 30 cm, Inv.-Nr. 1 B, Kupferstichkabinett, Staatliches Museum Schwerin
Abb. 1 Hartmann Schedel: Schedel’sche Weltchronik

Zu den bibliophilen Kostbarkeiten aus dem historischen Buchbestand zählen die Schedel’sche Weltchronik von 1934, Albrecht Dürers Vier Bücher von menschlichen Proportionen von 1527/28 und Joachim von Sandrarts d.Ä. Teutsche Akademie der Edlen Bau-Bild- und Mahlerey-Künste in zwei Bänden von 1675, um nur einige wenige der rund 280 Buchwerke zu nennen.

Sigrid Noack: Georgische Gesänge, 1994, Collage, Gouache, Vlies auf Faltrollo, 38,4 x 45,8 cm, Inv.-Nr. 7209 Hz B, Kupferstichkabinett, Staatliches Museum Schwerin
Abb.2: Sigrid Noack - Georgische Gesänge

 

 

 

Die sich in der Sammlung befindenden Künstlerbücher stammen überwiegend von Künstlern aus der DDR. Sie bilden im Schweriner Kupferstichkabinett keinen eigenständigen Sammlungsbereich, sondern wurden als Ergänzung und Vertiefung verschiedener Künstlerpositionen angekauft, die mit grafischen und zeichnerischen Werken in der Sammlung vertreten sind. Darunter befinden sich Künstlerbücher wie Gefahren 2. Klasse von Oskar Manigk, Instabil von Jörg Gottschalk, Kreuz - Am Meer von Michael Wirkner und Georgische Gesänge von Sigrid Noack. Durch das Aufgreifen politischer und gesellschaftlicher Themen werden die Bücher als subversives Medium genutzt und sind gleichzeitig Experimentierfelder.
Das Gestaltungsspektrum ist breit gefächert. Während Wirkner sein Künstlerbuch im Stil der CopyArt gestaltet und damit eine schier unendliche Vervielfältigung möglich ist, hat Noack die Georgischen Gesänge aus Collagen zusammensetzt und somit ein Unikat geschaffen.

Nach 1989 erfuhr die Grafische Sammlung mit dem Ankauf von 90 Werken von Marcel Duchamp, einem umfangreichen Konvolut von Marcel Broodthaers, und Werken von Vertretern der Fluxus-Szene ebenso wie durch die Gründung des Mail Art-Archivs eine Neuprofilierung.
Bei den Avantgarden wurden Künstlerbücher zu einem beliebten Ausdrucksmittel. Aus Amerika kamen weitere Impulse, ausgehend von der Fluxus-Bewegung, der Pop-Art und der Aktions- und Konzeptkunst.
Das Künstlerbuch etablierte sich zu einem eigenständigen kommunikativen Medium. Ferner konnten durch oft kleine Auflagen in Eigenverlagen bzw. weltweit entstehende Kleinverlage die Macht der kommerziellen, etablierten Verlage unterlaufen werden. Dadurch entwickelte sich eine attraktive Alternative zum kommerziellen oder ideologisch doktrinären Kunstsystem in West und Ost.

Die in dem Schweriner Kupferstichkabinett befindlichen Künstlerbücher weisen eine facettenreiche Gestaltungsweise und Materialvielfalt auf.
Neben Konzept- und Objektbüchern, gibt es auch Leporellos, Hefte, Loseblattsammlungen, intermediale Schachteln (mit z.B. Kassetten) oder Multiples. Das Künstlerbuch tritt als Buchobjekt oder auch als skulpturales Gebilde in Erscheinung. Als besonders herausragende Künstlerbücher seien hier die Werke von Marcel Duchamp S.M.S., Marcel Broodthaers Verarbeitung eines Gedichts von Stéphane Mallarmé und Jiři Valochs See page 13! zu nennen.

Marcel Duchamp: Umschlag für „S.M.S.“, 1926/68, Faksimile der Scheibe Nr. 6, Durchmesser 17,5 cm, Inv.Nr. Pl. 611, Kupferstichkabinett, Staatliches Museum Schwerin
Abb.3: Marcel Duchamp - Umschlag für "S.M.S."

Marcel Duchamps Umschlag ist eines von insgesamt sechs Multiples, die unter dem Titel S.M.S. von William Copley herausgegeben wurden. Die Editionen sind aufgrund der Zusammenarbeit von mehreren der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts entstanden.
Auf dem Umschlag befindet sich eine schwarze Schallplatte, auf die weiße Buchstaben aufgeklebt wurden. Die Arbeit gehört zu einer Gruppe von neun weiteren Wortspielen, die sich auf der Rückseite der Scheibe befinden.

Marcel Broodthaers: Un coup de dés jamais n’abolira le hasard/Image, 1969, 32,5 x 25 cm, Inv.-Nr. 20024 GrB, Kupferstichkabinett, Staatliches Museum Schwerin
Abb.4: Marcel Broodthaers "Un coup de dés jamais n’abolira le hasard/Image"

 

 

 

 

Marcel Broodthaers, der sich in seinem Œuvre ausführlich mit Mallarmé auseinandergesetzt hat, visualisiert in dem Buch Un coup de dés jamais n’abolira le hasard/ Image (1969) Mallarmés Schlüsseltext zur Moderne mit unterschiedlichen Strichstärken, wodurch er diesem einen bildhaften Charakter verleiht. Dieses Eingreifen Broodthaers macht zwar den Text unlesbar, doch bleibt die dynamische Typographie in ihrem Gestus erhalten.

Jiri Valoch: See page 13!, 1968, TypeWriting, Klammerheftung, 7,5 x 10,5 cm, Inv.-Nr. 19248 GrMA, Mail Art-Archiv, Staatliches Museum Schwerin
Abb.5: Jiri Valoch "See page 13!"

Die Arbeiten des tschechischen Künstlers Jiři Valoch zeichnen sich durch ihre puristische Ästhetik und das unspektakuläre Erscheinungsbild aus.
Aus seinen Büchern verband er, wie im Beispiel See page 13! zu sehen, jegliche Bilder. Valoch reduziert die Seiten, Worte und Zeichensetzungen auf das Notwendigste und regt dadurch den Leser zum Nachdenken über den Sinn der Worte, des Raumes und der Zeit an.

Die Sammlung der Künstlerbücher im Staatlichen Museum Schwerin besticht durch den Einblick, der in die Entwicklung der Buchkunst gewährt werden kann. Ausgehend vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart wird der Wandel in der Buchgestaltung anhand von prägnanten Beispielen anschaulich. Ferner bildet der Bestand an Künstlerbüchern der DDR eine Besonderheit.

 

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Abbildungsnachweis:

Hartmann Schedel Schedel’sche Weltchronik, 1493
43 x 30 cm Inv.-Nr. 1 B
Kupferstichkabinett Staatliches Museum Schwerin
Foto: Gabriele Bröcker

Sigrid Noack Georgische Gesänge, 1994
Collage, Gouache, Vlies auf Faltrollo
38,4 x 45,8 cm, Inv.-Nr. 7209 Hz B
Kupferstichkabinett Staatliches Museum Schwerin
VG Bild-Kunst, Bonn 2012

Marcel Duchamp Umschlag für S.M.S., 1926/68
Faksimile der Scheibe Nr. 6 Durchmesser 17,5 cm
Inv.Nr. Pl. 611
Kupferstichkabinett Staatliches Museum Schwerin
Succession Marcel Duchamp / VG Bild-Kunst, Bonn 2003

Marcel Broodthaers Un coup de dés jamais n’abolira le hasard/Image, 1969
32,5 x 25 cm Inv.-Nr. 20024 GrB
Kupferstichkabinett Staatliches Museum Schwerin
VG Bild-Kunst, Bonn 2012

Jiři Valoch See page 13!, 1968
TypeWriting, Klammerheftung
7,5 x 10,5 cm Inv.-Nr. 19248 GrMA
Mail Art-Archiv Staatliches Museum Schwerin
Foto: Gabriele Bröcker