Zeitgenössische Künstler aus Polen und Russland

 

Zeitgenössische Künstler aus Polen
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Positionen 4

Herausgegeben von Tomasz Dąbrowski und Stefanie Peter
im Auftrag von Goethe-Institut, Akademie der Künste und Polnisches Institut Berlin.
Steidl Verlag, Göttingen, 2012
400 S., 20,00 €

und

Zeitgenössische Künstler aus Russland
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Positionen 5

Herausgegeben von Leonid Bazhanow und Wolf Iro
im Auftrag von Goethe-Institut und Akademie der Künste.

Steidl Verlag, Göttingen, 2012
349 S., 20, 00 €

Eine Rezension von Wolfgang Schlott

 

Seit dem Frühjahr 2010 hat der Steidl Verlag eine Reihe zur zeitgenössischen Kunst aufgelegt, die repräsentative Überblicke über nationale Kunstszenen zu Beginn des 21. Jahrhunderts geben soll. Während die ersten drei Dokumentationen (Positionen 1 bis 3) sich mit zeitgenössischer Kunst in Südafrika, der Türkei und China beschäftigten, unternehmen die vorliegenden Bände (Position 4 und 5) den Versuch, auf der Grundlage von Porträts mit narrativen Interviews, Essays und Überblicksdarstellungen wesentliche Merkmale der künstlerischen und literarischen Szenerien in Polen und in Russland zu erfassen. Die Vorgehensweise der Herausgeber, die politische, gesellschaftliche und kulturelle Position der befragten Künstler in ihren nationalen Kontexten ausleuchten sollen, unterscheidet sich in formaler Hinsicht nur wenig voneinander. In beiden Bänden geben sie einen Überblick über wesentliche Charakteristika ihrer Länder, wobei sie auch Begründungen für die Auswahl ihrer Interview-Partner liefern. Der strengeren formalen Gliederung des Polen-Bandes (Unterteilung nach Musik, Film, Literatur, Theater mit jeweils einem Essay) steht die offenere Konzeption des Russland-Bandes gegenüber, in dem jedoch drei eingehende Analysen zur Situation der Kunst, des Theaters und des Kinos dem Leser einen kritischen Einblick in eine institutionell aufgebrochene Kulturlandschaft anbieten.

Die Einführungen in die jeweiligen nationalen Kunstszenerien unterscheiden sich durch eine Reihe von Zuschreibungen, in denen der Charakter der stark voneinander abweichenden Kulturlandschaften zum Tragen kommt. In Polen sind es Merkmale wie die gesellschaftliche Teilhabe an Prozessen der Stadtentwicklung, die Verdeutlichung sozialer Ungleichheit, Kritik an der Migrationspolitik, das zivilgesellschaftliche Engagement und die Rekonstruktion nationaler Mythen, welche sich in den Werken und Diskursen der neuen Kulturträger widerspiegeln. In der viel kürzeren Einführung in die Situation der russischen zeitgenössischen Künstler überwiegen hingegen Begriffe wie Mythos Russland und dessen Demystifizierung, Auseinandersetzung mit Traditionen und Marktgesetzen, Zugeständnisse an Politik und Gesellschaft, Arbeitsbedingungen. Sie sind in einen Fragekatalog eingebettet, der sich in den inhaltlichen Leitlinien der Gespräche mit den russischen Künstlern widerspiegelt.

Die Auswahl der Künstler orientiert sich in beiden Bänden an Kriterien wie Offenheit bei der Beschreibung ihrer Schaffensbedingungen, kritische Reflexion ihrer Position in der Gesellschaft wie auch Zugehörigkeit zu verschiedenen Generationen. Dennoch fällt auf, dass die Herausgeber der Dokumentation zu Polen, ausgewiesene Fachleute auf dem Gebiet der polnisch-deutschen Kulturbeziehungen, aufgrund der Zuordnung ihrer 26 Protagonisten zu Schaffensprofilen und kulturellen Positionen eine viel stärkere Bewertung von ästhetischen Prozessen im Kontext von Kulturgeschichte vornehmen. Sie wollen mit dieser Darstellungsweise einen Einblick in die jüngste polnische Geschichte geben, in der die dynamische Entwicklung von Kunst und Literatur unter der Losung Art for social change ablaufen werde. Die in Gesprächen mit unterschiedlichen Interviewern vorgestellten Persönlichkeiten bilden deshalb ein markantes Spektrum der zeitgenössischen Kunst. Ein besonderes Merkmal zeichnet die im Bereich ‚Bildende Kunst’ ausgewählten Vertreter Sławomir Sierakowski, Wilhelm Sasnal, Artur Żmijewski, Mirosław Bałka, Paweł Althamer sowie Joanna Rajkowska aus: die radikale kritische Reflexion von Umwelt und Politik. Eine Eigenschaft, die auch dem jungen polnischen Theater im Umgang mit Geschichte zugeschrieben wird. Es habe, nach Maciej Nowak, die Funktion eines Hackers übernommen, das sich seit den frühen 1990er Jahren „in die heiligsten Server der polnischen Tradition eingehackt“ (S. 178) hat und die lieb gewonnenen Erinnerungen umpflüge. Ein gleichfalls rhythmischer und semantisch-syntaktischer Umschwung geht von jungen Musik- und Literaturproduzenten wie Tomasz Stańko oder Dorota Masłowska aus, während im schwierigen Filmgeschäft überwiegend die ältere Generation mit Regisseuren wie Jerzy Skolimowski, Zbigniew Rybczyński und Andrzej Wajda zu Wort kommt.

Wer sich einen diskursiv-evaluativen Zugang zur diffusen russischen Kunst-, Theater- und Film/Kinoszenerie verschaffen will, der sollte mit der Lektüre der drei abschließenden Analysen beginnen. Viktor Miziano, renommierter Kurator und Chefredakteur der Zeitschrift Chudožestvennyj žurnal, kommt zu dem deprimierenden Urteil, dass das russische Kunstsystem „vielleicht eine Karikatur des westlichen Systems“ (S. 300) ist. Marina Dawydowa hingegen, Theaterkritikerin und Dozentin für Theatergeschichte, bescheinigt dem russischen Theater, dass es „Teil der europäischen Kultur“ (S. 317) geworden sei, ein Ergebnis, das sich auch auf den stürmischen Festivals beim Vergleich mit anerkannten ausländischen Ensembles widerspiegele. Larissa Maljukowa aber zeichnet der russischen Kinowelt ein düsteres Bild, in dem die Spuren einstiger bedeutender Autorenfilme kaum noch sichtbar seien und der Mainstream der patriotisch gesinnten Filmstreifen vorherrsche, von denen auch die junge Generation in der „gelenkten Demokratie“ nichts mehr wissen wolle. „Pure Schwarzmalerei?“ lautet ihr Resümee, was sie jedoch mit dem Blick auf das seit 2010 entstehende Neue Russische Autorenkino wieder in Frage stellt. Eine partielle Auflösung solcher schwierigen Gemengelagen ist bei der aufmerksamen Lektüre der Interviews mit Protagonisten aus der Film- und Kunstszenerie möglich, wie z.B. das Gespräch, das Larissa Maljukowa mit dem Regisseur Alexander Rastorgujew, Autor naturalistischer Dokumentarfilme, führt. Unter der Überschrift „Solange nur der eine Oligarch den anderen auffrisst, guckt das Volk Fernsehen und hat den Eindruck, da bekämpfen sich Spinnen im Glas“, entwirft Rastorgujew, Autor zahlreicher schonungsloser Dokumentarfilme, die mal verboten, mal einfach aus dem Verkehr gezogen wurden, ein entlarvendes „Bild“ eines Systems, in dem „dieses passive, fügsame Land … eine Wurst aus Knete (ist), die sich in den Händen von ein paar Polittechnologen befindet.“ (S. 87). Der Booker-Preisträger Alexander Ilitschewski („Matiss“, 2007), in dessen Familie fünf Menschen durch das Stalin-Regime ermordet wurden, wünscht sich für eine zukünftige russische Gesellschaft eine Situation, in der der Schriftsteller nicht mehr die Rolle eines Narren spielen muss. Und die Vertreter der mittleren Generation, die in den 70er und 80er Jahren eine konzeptualistische Poetik entwarfen? Lew Rubinstein sieht sich einer Situation ausgesetzt, in der man wieder wegen Gedichten ermordet werden kann, Wladimir Sorokin, einst das enfant terrible der literarischen Öffentlichkeit, ästhetischer Außenseiter, lebt mit seinen Figuren von der spezifischen russischen Metaphysik und spricht von einer fruchtbaren fiktionalen Atmosphäre für einen zeitgenössischen Schriftsteller. Und die Künstler der unterschiedlichen Moskauer post-avantgardistischen Richtungen? Igor Makarewitsch, für den die zeitgenössische Kunst „fast eine religiöse Form einer kapitalistischen Kunst“ ist, wie auch Jurij Albert, der mit seiner postkonzeptualistischen Kunst sowohl in Russland als auch in der westlichen Hemisphäre anerkannt ist? Ihre Einschätzungen der russischen zeitgenössischen Szenerie zeugen von einer distanzierten Haltung gegenüber ihrem Land. Doch macht die Kunst frei, wie Albert in einer Neon-Röhren-Installation aus dem Jahr 2004 signalisiert? (vgl. S. 266)

Beide Interview-Dokumentationen zur Situation der zeitgenössischen Kunst- und Literaturszenerien in Polen und Russland zeichnen sich durch hoch qualifizierte Fragen und auf der gleichen Diskursebene ablaufende Antworten aus. Die dadurch entstandene Verdichtung ästhetischer und kulturpolitischer Aussagen über zwei ehemalige kommunistische Länder, die ihre kulturellen Umbrüche in sehr unterschiedlicher Weise durchlebt haben, ermöglicht überraschende, intensive Einblicke in Kulturlandschaften, in denen ihre kreativsten Akteure sich (un)-maskiert ihrem Publikum stellen. Die Figuren auf dem Cover der Paperback-Bände verdeutlicht dies: Artjom Loskutow als russischer spiderman und Pawel Althamer (Polen), hinter einer Schweißbrille verborgen.

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