Kunstsammlung Klaus Groh

 

Eine Besprechung von Wolfgang Schlott

 

Die im Jahre 2004 von der Forschungsstelle Osteuropa der Universität Bremen erworbene Sammlung umfasst Collagen, visuelle Poesie, Serigraphien, Photographien, Mail Art, Graphik, Künstlerbücher, inoffizielle Briefmarken, Manifeste, Ausstellungskataloge, Plakate, Kleinskulpturen, Briefe, Künstlermappen und andere Kunstobjekte, insgesamt rund 1.800 Positionen. Sie wurden von dem Sammler und Konzeptkünstler Klaus Groh auf seinen zahlreichen Reisen nach Ostmitteleuropa zusammengetragen. Die Sammlung bildet einen repräsentativen Querschnitt durch die unabhängigen Kunstszenen Ungarns, Polens, der Tschechoslowakei, Jugoslawiens, Rumäniens, der Sowjetunion und der DDR der 1960er bis 1980er Jahre. Außerdem enthält sie eine Reihe von bedeutenden Dokumenten der russischen Kunst.

Im ungarischen Teil der Sammlung fallen insbesondere Collagen, künstlerisch gestaltete Briefmarken, Künstlerbücher und Arbeiten der Konzeptkunst auf. Es handelt sich um collagierte Landkarten und die visuelle Poesie von Gábor Attalai, das breite ästhetische Spektrum des Werks von György Galántai, die spielerische Konzeptkunst von Endre Tót, dessen Arbeit Total Joy die Forschungsstelle bereits im Jahr 2003 erworben hat, und Graphiken und Photoarbeiten von Geza Perneczky.

Andrzej Dudek-Dürer: Brief mit Siebdruck, 1987, 29 x 22 cm. ; Aus dem Archivbestand Groh, K., FSO 02-22
Andrzej Dudek-Dürer: Brief mit Siebdruck

Die Kunst aus dem ehemaligen Jugoslawien repräsentieren die in der Zwischenzeit berühmt gewordene Aktionskünstlerin Marina Abramović mit mehreren Fotografien von Happenings aus den 1970er Jahren, Nenan Bogdanović mit Künstlerbüchern und Mail Art, Dobrica Kampelević mit Mini-Künstlerbüchern und Mail Art, Mario Marzidivsek und Radomir Masić mit Sound Art und konkreter Poesie. Vertreten sind auch Miroljub Todorovićs visuelle und Computerpoesie sowie Collagen und Bálint Szombathys Photocollagen auf Papierflaggen (Underground), Mini-Bücher und gestempelte Umschläge. Die unabhängige sowjetische Kunst ist vertreten mit einigen Originalwerken wie Collagen und Künstlerbriefmarken von Sergej Sigej, Photographien und visueller Poesie von Ry Nikonova, Dokumentationen von Kunstaktionen von Lev Nusberg sowie mit Buchobjekten von Vagrič Bachčanjan.

Deutlich stärker sind in der Sammlung tschechische und slowakische Künstler vertreten. Erwähnt seien die Fotomontagen, Collagen, Gedichtbände, Drucke und Konzeptkunst-Objekte von Miroslav Klivar, die Graphiken, übermalten Landkarten, Künstlerbücher, Kataloge und Stempeldrucke von J.H. Kocman, die Buchobjekte, Collagen, Photos und Tonbänder des Aktionskünstlers Petr Štembera, die zahlreichen Beispiele für die Schreibmaschinengraphik von Jiří Valoch, die Offset-Graphikendes Slowaken Rudolf Sikora und die Serigraphien, Kunstmappen und Fotodokumentationen des außerhalb der unabhängigen tschechoslowakischen Szene unbekannten Dalibor Chatrný. Die prominenteste Position in der tschechischen Sammlung nehmen die annähernd 50 Arbeiten des aus Prag stammenden Milan Knížák ein, der bereits in den frühen 1960er Jahren mit seinen spektakulären Straßenaktionen und später mit seinen Beiträgen zur Fluxuskunst, seinen Materialcollagen, darunter die Materialmontage Kreuz, seinen Zeichnungen und Papierobjekten (Aktuál) die Aufmerksamkeit der Kunstöffentlichkeit in Westeuropa und der Insider in den sozialistischen Ländern auf sich gezogen hat.

Natalia LL: Konsumptionskunst, Phase VII, 1972, Fotographien, 23 x 30 cm.; Aus dem Archivbestand Groh, K., FSO 02-22
Natalia LL: Konsumptionskunst

Einen weiteren Schwerpunkt der Sammlung bildet die Kunst aus Polen, die sich etwa seit Mitte der 1950er Jahre in einer widersprüchlichen Situation befand. Einerseits entstanden halbprivate Galerien, in denen auch die in Westeuropa aufkommenden neuen Kunstrichtungen präsent waren, eine Entwicklung, die stets infolge bestimmter politischer Ereignisse gebremst wurde. Andererseits entfaltete sich ungeachtet von militärischen und ökonomischen Ausnahmesituationen eine breit gefächerte künstlerische Aktivität, die sich auch in dem Spektrum der Objekte aus der Groh-Sammlung widerspiegelt. Auffällig ist die große Anzahl von Ausstellungskatalogen, die von den Künstlern selbst oder von kleinen Galerien hergestellt wurden. Die Galeria Współczesna, Galeria Sztuki Labirynt, Galeria EL, Akumulatory, Galeria Wymiany etwa gaben gemeinsam mit den Künstlern ihre in bescheidener typographischer Aufmachung hergestellten Kataloge heraus. Unter den Künstlern, die mit mindestens zehn Arbeiten vertreten sind, finden sich Jan Chwalczyk (Zeichnungen, Abbildungen in Gemeinschaftskatalogen), Andrzej Dudek-Dürer, eine Ausnahmeerscheinung in der unabhängigen polnischen Szene, da er mit Konzeptkunst, Aktionskunst, Hörcollagen, metaphysischen Sitzungen wie auch Fotocollagen ein breites, hochartifizielles Spektrum vertritt, wie auch Wanda Golkowska, die mit ihren fein collagierten Federstricharbeiten, übermalten Fotos, Graphiken in der Form von Mail Art internationale Anerkennung fand. Vorhanden sind auch die Konzeptarbeiten von Marek Konieczny: Kunstkarten, Poster, collagierte Postkarten, Kataloge, Kinderbücher und Photographien. Der aus Posen stammende Konzeptkünstler Jarosław Kozłowski, der mit seinen Künstlerbüchern, visueller Poesie und eigenwilligen Katalogen eine führende Position in der polnischen unabhängigen Kunstszene einnahm, ist in der Sammlung ebenso vertreten wie die aus Breslau stammenden Andrzej Lachowicz und Natalia LL mit Aktionsphotos, Einladungskarten, Serigraphien, Plakaten und Katalogen. Ewa Partum, Józef Robakowski und die Künstlergruppe Łódź Kaliska stehen mit visueller Poesie, Manifesten und Programmen sowie Ausstellungskatalogen für die unabhängige Kunstszene in Lodz. Das künstlerische Spektrum wird erweitert durch Mail Art Objekte von Pawel Petasz, Wacław Ropiecki und Tomasz Schulz sowie durch die Objektbücher von Ryszard Waśko, die er gestempelt und collagiert im Eigenverlag herausgab, darüber hinaus durch Andrzej Wielgoszs Mini-Offset-Drucke und Künstlerbücher und Marianna Bocians Arbeiten zur konkreten Poesie.

Innerhalb der unabhängigen Kunst in der DDR nimmt die Mail Art eine wichtige Position ein. Viele Künstler, darunter Jürgen Gottschalk, Walter Goes, Michael Groschopp, Birger Jesch und Jörg Sonntag, schlossen sich der grenzüberschreitenden Bewegung an. An der Spitze stand Robert Rehfeldt, dessen über 60 Objekte in der Sammlung einen profunden Einblick in seine vielfältigen künstlerischen Positionen gewähren. Darüber hinaus sind Audiotapes und Fotocollagen von Jörg Sonntag und Ruth Wolf-Rehfeldt vorhanden.

_____

 

Bildquelle:

W.Eichwede (Hg.): Das Archiv der Forschungstelle Osteuropa, 2009, Ibidem Verlag, S. 92 und S. 93.
© bei den Künstlern